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einen Rückflug nach Seattle um 18 Uhr schaffen würde, womit die Visa gegen 20 Uhr in ihren Händen wären und sie schon um 21 Uhr von Boeing Field starten konnten.
»Ich habe die Facebook-Seite mit einer gewissen Beklommenheit, wie man vielleicht sagen könnte, im Auge behalten«, sagte Richard. »Noch ist davon nichts durchgesickert.« Er klopfte leicht auf einen Ausdruck der Papierhandtuchnachricht, der über die Mittelkonsole zwischen den Vordersitzen des Wagens drapiert war.
»Das wird es auch ganz sicher nicht«, sagte John. »Dein Anruf ist mitten in der Nacht gekommen, außer mir und Alice war niemand im Haus, niemand weiß was.«
Denn sie waren übereingekommen, die Existenz von Zulas Brief vorderhand noch nicht preiszugeben; die Neuigkeit würde sich sehr rasch und unkontrolliert verbreiten und könnte die Nachforschungen – oder wie immer man das, was sie taten, nennen mochte – komplizieren.
»Hat dein Freund irgendwas über den Burschen herausgefunden, der die E-Mail geschickt hat?«, fragte John.
»Wir wissen nicht, ob es ein Bursche ist«, erinnerte ihn Richard. »Nolan ist an der Sache dran, aber in China ist es im Augenblick mitten in der Nacht, und er hat nicht viel, womit er arbeiten kann. Er sagt, es entspricht einer Hotmail-Adresse.«
»Was soll das heißen?«, fragte John gereizt. Er hatte eine Hotmail-Adresse.
»Ein leicht einzurichtender, anonymer Account, wie ihn Spammer häufig benutzen«, sagte Richard. »Ich will damit sagen, wer auch immer mir diese E-Mail geschickt hat, wollte anonym und unauffindbar bleiben.«
»Vielleicht könnten wir ihn über diesen Wolkenkratzer finden.«
»Wir wissen nicht, welcher Wolkenkratzer es ist«, wandte Richard ein. »Zula hat dazu in ihrem Brief nichts Genaueres gesagt. Sie ist wahrscheinlich davon ausgegangen, dass es, wenn der Brief je gefunden würde, für jeden offensichtlich wäre, woher er kommt.«
John dachte darüber nach. »Stattdessen haben wir es hier mit so was wie einem Informanten oder Whistleblower zu tun.«
»Das vermute ich auch.«
»Was ist mit den Cops in Seattle?«
»Ich habe den Detective angerufen und eine Voice-Mail-Nachricht hinterlassen. Ihm gesagt, wir hätten Hinweise darauf, dass Zula am Freitag noch am Leben und nicht in Seattle war. Womit das Ganze nicht mehr in seine Zuständigkeit fällt, denke ich.«
»Was den Vermisstenfall angeht, ja«, sagte John. »Aber in Seattle haben auch Verbrechen stattgefunden. Mord, Entführung, Körperverletzung und Gott weiß, was sonst noch …«
Richard nickte. »Und ich bin mir sicher, dass sich die Detectives in Seattle, die solche Verbrechen bearbeiten, brennend für Zulas Brief interessieren werden. Aber ob wir Zula unversehrt zurückbekommen, hat damit nichts zu tun.«
»Das hat es sehr wohl, wenn die Verantwortlichen ermittelt, aufgespürt, ausgeliefert …«
»An diesem Freitag, nur wenige Stunden, nachdem Zula den Brief geschrieben hat, ist in Xiamen etwas Größeres passiert«, sagte Richard. Er hatte bis jetzt vermieden, John und Alice davon zu erzählen, weil er sich nicht sicher sein konnte, dass es tatsächlich mit Zula zu tun hatte, und weil er sie nicht verwirren und aufregen und Johns ohnehin schon langsamer Datenbank Unmengen zusätzlicher falscher Spuren hinzufügen wollte.
»Nur zu, ich höre«, sagte John, nachdem er nichts weiter als das Zischen von Reifen auf nassem Asphalt und das Waschmaschinengeräusch der Scheibenwischer gehört hatte.
Richard seufzte. »Ich versuche mir darüber klar zu werden, wo ich anfangen soll.« Er dachte an den schieren Grad von Energie, den er würde aufwenden müssen, um die Nachforschungen, die er mit Corvallis anstellte, den Stand der Schlacht um das Torgai und alles andere zu erklären. Und er fühlte sich unendlich müde. »Ich fahre das Ding hier gleich in den Graben«, sagte er. »Gehen wir erst mal zu mir und trinken Kaffee.«
Doch wie sich herausstellte, als sie Richards Wohnung erreichten, gingen sie in entgegengesetzte Richtungen, um die Kaffeemaschine in Gang zu setzen, die Toilette zu benutzen, nach E-Mails zu sehen, zu telefonieren. Als Richard wieder so weit war zu reden, schlief John auf dem Sofa, und als John aus seinem Nickerchen erwacht war, war Richard auf seinem Bett eingeschlafen. Später, als sie beide gleichzeitig wach waren, machten sie Sandwiches und betrachteten durchs Fenster den Sonnenuntergang über den Olympics; die Wolken waren noch dick, aber darunter strömte das rote Licht heran, als
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