Error
erstaunlich fahlen Augen an.
»Es ist nur so, dass ich dachte, wir wären hinter Jones her.«
»Sie wissen sehr wohl, dass dem auch so ist.«
»Die ganze Situation mit Mr. Y ist äußerst verwirrend für mich«, sagte Olivia. »Und zwar wegen dem, was am Ende passiert ist.«
»Laut Mr. Chow behaupten Sie, Sie hätten draußen auf dem Wasser Schüsse gehört.«
»Bei dieser Behauptung bleibe ich.«
»Mr. Y scheint den Ärger ja geradezu anzuziehen.«
»Falle ich damit in die Kategorie Ärger?«
»Wieso? Fühlte er sich zu Ihnen hingezogen?«
»Ich würde sagen, das beruhte auf Gegenseitigkeit.«
Onkel Meng dachte darüber nach. »Aha. Sie haben Gefühle für Mr. Y. Sie glauben, Sie hätten irgendwo draußen im Dunst Asiens einen Schusswechsel zwischen ihm und unbekannten Personen gehört. Sie machen sich Sorgen darüber, was aus ihm geworden ist. Und deshalb umkreisen wir einander hier und reden ziellos herum, weil sich das Gespräch ausschließlich um ihn dreht.«
»Ja.«
»Also reden wir über Jones.«
»Gut.«
»Der ganze Sinn des Versuchs, Mr. Y auf dieses Schiff nach Long Beach zu bringen, bestand darin, uns seine Kooperation zu sichern – Informationen zu gewinnen, die er angeblich darüber hat, wo Jones hin will. Haben Sie diese Informationen von ihm bekommen?«
»Jones hat einen Business Jet in seine Gewalt gebracht, der am FBO des Flughafens von Xiamen stand«, sagte Olivia. Sie stand auf, wandte sich der Weißwandtafel zu und schrieb das Kennzeichen darauf. »Mr. Y hat beobachtet, wie der Jet um null sieben eins drei Ortszeit startete.« Sie schrieb das ebenfalls auf. »Er hat Südkurs genommen.«
Der Besprechungsraum war gut mit jungen Hilfskräften ausgestattet, von denen eine auf ein Nicken von Onkel Meng hin wie wild zu tippen anfing.
»Sie werden feststellen, dass der Jet an einen in Toronto ansässigen russischen Staatsbürger verleast ist oder diesem vielleicht sogar gehört und ein paar Tage zuvor nach Xiamen geflogen war.«
»Ist dieser russische Staatsbürger derselbe wie Mr. Y?«
»Nein. Mr. Y hat als Sicherheitsberater für ihn gearbeitet.«
»Wobei das ein Euphemismus für die Sorte Mensch ist, die einen Haufen Leichen im Treppenhaus vor Ihrer Wohnung zurücklässt.«
»Die haben es verdient«, sagte Olivia.
Onkel Meng zog die gestutzten Augenbrauen hoch, allerdings nicht missbilligend.
»Wissen wir, wer sonst noch an Bord dieses Flugzeugs ist?«
»Ich kenne mich mit den Details der Fliegerei nicht so aus«, sagte Olivia, »aber ich habe immer wieder darüber nachgedacht, und kann es mir nur so vorstellen, dass die Piloten am Steuer sitzen, die es gewohntermaßen fliegen. Jones muss sie irgendwie gezwungen haben.«
»Da widerspreche ich Ihnen nicht, aber eigentlich habe ich an die verdammten Terroristen gedacht.«
»Was in dem Gebäude passiert ist, können nicht viele von Jones’ Truppe überlebt haben«, sagte Olivia. »Mich wundert, dass Jones es überlebt hat. Aber er kann nicht allein gehandelt haben. Er muss also noch ein anderes sicheres Haus oder Unterstützernetz gehabt haben, auf das er später zurückgegriffen hat.«
»Der Jachtklub«, sagte Onkel Meng und bediente sich dabei des Jargons, den er und Olivia im Verlauf der Operation erfunden hatten. Viele Details hatten sie nicht herausgekriegt, aber sie waren sich ziemlich sicher, dass Jones auf dem Seeweg von den Philippinen nach Taiwan und von dort nach Xiamen gekommen war und dass er über eine derartige Verbindung – wahrscheinlich kleine Fischerboote, die, vom Radar unbemerkt, Sachen hin und her transportierten – Nachschub und Leute bekam.
Schließlich zeichneten sie auf der Weißwandtafel eine Zeitachse. Es bestand eine Lücke von vielen Stunden zwischen der Explosion des Wohnhauses und Mr. Ys verblüffendem und rechtzeitigem Eintreffen auf »Meng Anlans« Balkon – das aus dieser Distanz etwas rührend Romeohaftes hatte. Dies war zumindest indirekt relevant für Jones’ Bewegungen, weil davon auszugehen war, dass die Leute, die zu Olivias Wohnung geschickt worden waren, auf Jones’ Geheiß gehandelt hatten. Olivia versuchte den Zeitpunkt des Telefongesprächs zwischen Mr. Y und Jones zu bestimmen, vom dem sie Sokolows Hälfte mitgehört hatte, während sie mit dem gestohlenen Wassertaxi draußen gewesen waren. Sokolow hatte irgendwoher gewusst, dass Jones am Flughafen war. Er hatte vermutet, dass irgendeine Frau namens Zula bei ihm war. Er hatte Jones gedroht, dass er ihn finden und auf
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