Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Error

Error

Titel: Error Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: N Stephenson
Vom Netzwerk:
musste sie eine ziemlich wirre Geschichte zusammenstückeln, die erklären konnte, wie er, ohne vom Radar entdeckt zu werden, einen vielbeflogenen und gut überwachten Flugkorridor entlanggeflogen war, und sie musste eine Begründung dafür liefern, warum das Flugzeug zunächst Südkurs genommen hatte – eine unvernünftige Vergeudung von Treibstoff. Das gelang durch Zusammenstellen einer Argumentation, die mit Flugplänen für chinesische Inlandsflüge zu tun hatte. Keiner konnte sie widerlegen, aber allen war angesichts der Kompliziertheit der Geschichte unwohl. Das mit Abstand einfachste und plausibelste Szenario war, dass Jones schlicht bis auf Wellenhöhe heruntergegangen, nach Mindanao geflogen war und dort notgewassert hatte. Olivia befürwortete diese Theorie, wenn auch nur aus einem Grund: Falls sie stimmte, war Jones schon an Land und das Flugzeug unter Wasser gewesen, als Sokolow ihr das Kennzeichen genannt hatte, und man konnte ihr demzufolge keinen Vorwurf daraus machen, dass sie es verspätet weitergegeben hatte.
    Um sich gegen die Möglichkeit abzusichern, dass Jones doch bis nach Nordamerika geflogen war, nahmen sie Verbindung zu ihren Kollegen in Kanada und den Vereinigten Staaten auf und gaben zu bedenken, dass es klug sein könnte, die Augen nach besagtem Businessjet offen zu halten. Am ehesten sei davon auszugehen, dass er auf irgendeiner entlegenen Landebahn oder verlassenen Straße gelandet und verlassen worden sei. Nachdem sie (um eine Wendung der Yankees zu entlehnen) diese Base abgedeckt hatten, konzentrierten sie alle ihre Energien auf das Mindanao-Szenario.
    Diese Vorgänge erstreckten sich über etwa achtundvierzig Stunden, in denen Olivia fast jedes Mal, wenn sie wach war, arbeitete. Doch schon der Begriff »wach« wurde in Frage gestellt durch den schlimmsten Fall von Jetlag, den sie je erlebt hatte, möglicherweise vermischt mit posttraumatischen Symptomen und/oder den Folgeerscheinungen einer Gehirnerschütterung. Mindestens die Hälfte der Zeit, die sie in diesem Raum verbrachte und so tat, als nähme sie an der Besprechung teil, ließ sie all ihre Energie und Aufmerksamkeit dem Projekt zukommen, nicht einfach an Ort und Stelle in tiefen Schlummer zu sinken. Sie ertappte sich dabei, dass sie alle zehn Sekunden gereizt die Haltung wechselte, bloß um den Schlaf abzuwehren, und sie hörte die anderen bedeutende und komplizierte Themen diskutieren, als lauschte sie ihnen durch ein sehr langes Sprechrohr auf einem Schlachtschiff.
    Als sie schließlich Mitleid mit ihr hatten und sie »nach Hause« schickten, ging sie zu einem sicheren Haus in London: einem völlig anonymen Stadthaus aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, das man übernommen und diesem Zweck angepasst hatte. Während der sehr begrenzten Zeiträume, in denen sie nicht arbeitete oder schlief, hatte sie nichts zu tun. Ihr früheres Leben als Olivia Halifax-Lin konnte sie noch nicht wiederaufnehmen, konnte nicht anfangen, sich auf Facebook zu tummeln oder was auch immer die Leute mittlerweile so machten. Sie fand einen Friseur mit vorwiegend asiatischer Kundschaft, erledigte diese Geschichte und bekam eine Art Pagenkopf direkt aus einem Pornofilm verpasst, den sie niemals riskiert hätte, wenn die Umstände sie nicht zum Handeln gezwungen hätten. Sie rieb sich die schmerzenden, immunisierten Muskeln. Weil man sie darauf hingewiesen hatte, dass sie mit einer Auslandsreise rechnen müsse, kaufte sie Kleider: genug leichte, schnell trocknende, synthetische Sachen, um eine Reisetasche zu füllen, und einen Blazer, den sie anziehen konnte, wenn sie eine symbolische Verbeugung in Richtung größere Formalität machen wollte. Ein neuer Pass tauchte auf, angesichts dessen sie sich fragte, wie der MI 6 dergleichen eigentlich anstellte: Hatten sie ihre eigene Passdruckerei? Oder nur einen speziellen Raum in der Zentralen Britischen Passdruckerei, wo sie rasch ein paar raushauen konnten, wenn der Anlass es erforderte?
    Es gab, vielleicht ein wenig früher als vorgesehen, einen weiteren Termin bei der Spritzengeberin, und sie bekam Malariatabletten und eine Gardinenpredigt darüber, warum Insektenschutzmittel so eine gute Sache sei. Onkel Meng holte sie, wie es schien in seinem Privatwagen, ab und fuhr sie nach Heathrow, wobei sie auf halber Strecke auf einen Kaffee und einen Keks Halt machten.
    »Sie sind unterwegs nach Manila«, sagte er, »über Dubai.«
    »Ich vermute, Manila ist nicht mein endgültiger

Weitere Kostenlose Bücher