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Afroamerikaner. »Geröstet hat er dich.«
»Jetzt sind wir alle im Arsch«, sagte ein Hispano. »Sequestriert euren Scheiß, solange ihr noch könnt.«
Heftiges Klicken und Tippen, interpunktiert von brüllendem, gequältem Gelächter, während (vermutete Olivia) in der Spielwelt der Charakter jedes Mannes starb.
Überall im Essbereich, auf Fensterbänken und Arbeitsplatten, standen Plastikpuppen: troll- oder elfenartige Fantasiefiguren, angetan mit aufwändigen Kostümen und bis an die Zähne bewaffnet mit ausgefallenen, quasi mittelalterlichen Waffen. Jede stand auf einem Kunststeinsockel mit eingemeißeltem Namen. Olivia nahm – sehr vorsichtig, da sie offenbar wichtig waren – eine davon in die Hand und drehte sie um. Die Unterseite des Sockels trug das Logo von Corporation 9592.
Damit war die Frage beantwortet, die zu stellen sie sich nicht getraut hatte, um nicht als dümmster Mensch der ganzen Welt dazustehen: Spielen Sie T’Rain? Denn Olivia war keine Spielerin und konnte das eine derartige Spiel nicht vom anderen unterscheiden.
»Olivia?«
Sie blickte auf und sah Seamus in die Augen, der sie über den Rand seines Laptopbildschirms hinweg anstarrte. Er sprach mit übertriebener Ruhe: »Stellen … Sie … den Troll … hin … und treten Sie … langsam zurück.«
Okay, er scherzte. Sie stellte den Troll vorsichtig hin und verschränkte dann unschuldig die Hände hinter dem Rücken. Die anderen Männer stießen vernehmlich den Atem aus, als wäre gerade ein Sprengsatz erfolgreich entschärft worden.
»Entschuldigung, dass ich Ihre Puppe angefasst habe«, sagte sie. »Ich hatte keine Ahnung, wie wichtig Thorakks für Sie ist.«
Schweigen, da keiner der Männer etwas gegen ihren taktischen Gebrauch des Wortes »Puppe« auszurichten wusste.
»Ich bin keine große T’Rain-Expertin«, fuhr sie fort. »Ist Thorakks so etwas wie ein Hauptcharakter in der Spielerwelt?«
»Thorakks ist mein Charakter«, sagte Seamus.
»Wow, wie hoch stehen Sie denn im Kurs, wenn von Ihrem persönlichen Charakter eine Puppe hergestellt wird?«
»Das nennt man Actionfigur«, sagte er, »und es ist nichts Besonderes. Wenn Sie einen Charakter in T’Rain haben, müssen Sie bloß ein Webformular ausfüllen und denen fünfzig Dollar schicken, dann machen die Ihnen eine auf einem 3D-Drucker und schicken sie Ihnen. Für aktive Militärs gibt es Rabatt.«
»Sind Sie aktiver Militär?«
»Nein, aber wir haben Möglichkeiten, uns den Rabatt zu organisieren.«
»Sind das Ihre privaten Laptops?«, fragte Olivia.
»Wieso wollen Sie das wissen?«, fragte Seamus, der argwöhnte, dass sie ihm vorwarf, Staatseigentum zu missbrauchen.
»Schon gut«, sagte sie. »Ich habe mich nur gefragt, ob es hier vielleicht einen überzähligen Computer gibt, den ich benutzen könnte.«
»Zum Beispiel für so was wie sichere E-Mail?«
»Nein. Um T’Rain zu spielen.«
»Sie haben doch gerade gesagt, Sie wären keine Spielerin.«
»Bin ich auch nicht«, gab sie zu, »aber das muss sich ändern.«
»Muss!?«
»Berufliche Gründe«, sagte sie.
Denn sie wusste mittlerweile, dass die vermisste Person namens Zula mit Corporation 9592 zu tun hatte – sogar die Nichte des Firmenmitbegründers war – und dass ihre Entführung aus Seattle nach Xiamen in irgendeinem Zusammenhang mit dem Nest von Hackern stand, die in der Wohnung unter der von Jones gewohnt hatten. Zwar verspürte sie keine Notwendigkeit, eine Unmenge Zeit mit T’Rain zu verbringen, und sie wollte ganz bestimmt nicht so weit gehen, sich auf einem 3D-Drucker ihre eigene private Puppe herstellen zu lassen, aber sie musste etwas mehr über das Spiel wissen.
Zwölf Stunden später wusste sie mehr, als sie musste – und wollte trotzdem noch mehr wissen. Was war das geheime Versteck der Schwarzen Perlen der Q’rith? Welche Kombination von Zaubern und Kräutern war erforderlich, um die Prinzessin Elicasse aus ihrem äonenlangen Schlummer unter der Goldenen Laube von Nar’thorion zu wecken? Wo bekam sie etwas Qualdaqisches Graues Erz her, um neue Pfeilspitzen aus Namasqener Stahl zu schmieden, die sie mit ihrem Compositbogen von Aratar verschießen konnte? Und war das überhaupt das richtige Waffenarsenal gegen die Torlok, die ihr den Übergang über die Brücke von Enbara verwehrten? Antworten auf alle diese Fragen hätte sie von Seamus und seiner Schar verlorener Jungs bekommen können, aber sie wusste, dass jede gegebene Antwort nur zu weiteren Fragen führen würde, und sie hatte
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