Erzaehlungen
Land. Den einen Tag bin ich hier, den zweiten dort, den dritten anderswo, und daher habe ich schon allerlei erlebt. Aber das ist mir wahrlich noch nie vorgekommen, daß in aller Morgenfrühe Damen im Nachtgewand vor mir im Moose stehen und mich um Dinge fragen, die sie nichts kümmern, just wenn ich die Flöte blasen und in die junge Sonne blinzeln will.« Er maß Dionysia verächtlich vom Kopf bis zu den Füßen, setzte die Flöte an den Mund und spazierte blasend davon der schimmernden Lichtung zu. Da schämte sich Dionysia ihrer bloßen Füße und ihres Nachtgewandes, und sie wandte sich, um nach Hause zu gehen. Während aber die Töne immer ferner klangen, fuhr es ihr durch den Sinn: der freche Knabe! Ich möchte seine Flöte zerbrechen. Und es fiel ihr ein, daß sie nicht das Recht hatte nach Hause zurückzukehren, ehe sie diesem Wunsche nachgegeben, und eilends folgte sie den Flöten tönen durch den Wald. Das Geäst schlug über ihrer Stirn zusammen, die Blätter blieben ihr im offenen Haar hängen und Wurzel werk schlang sich um ihre Füße. Sie aber kehrte sich nicht daran, brach die Zweige, die ihrem Schreiten hinderlich waren, mit ihren feinen Fingern, entwand sich dem Erdgeflecht und schüttelte die Blätter aus ihrem Haar. Als sie aus dem Wald heraustrat, senkte sich die grüne Wiese vor ihr mit blauen, roten und weißen Blumen, und jenseits, wo der Wald wieder anfing, stand der Hirt mitten unter seinem schimmernden Getier, und seine Locken leuchteten im Sonnenglanz. Er sah Dionysia herankommen, runzelte die Brauen und wies die Nahende mit befehlender Gebärde von dannen. Sie aber ließ sich nicht abhalten, schritt gerade auf ihn zu, nahm dem Staunenden die Flöte aus der Hand, brach sie entzwei und schleuderte ihm die Stücke vor die Füße hin. Jetzt erst schien er zur Besinnung zu kommen, packte Dionysia an den Handgelenken und wollte sie zu Boden werfen. Sie wehrte sich, stemmte sich ihm entgegen, seine Augen glühten zornig in die ihren, sein hastender Atem fauchte ihr über die Stirn. Er preßte die Lippen zusammen, sie lachte: plötzlich ließ er ihre Hände frei und umfaßte ihren Leib mit beiden Armen. Heftig wallte es in ihr auf, und sie wollte sich ihm entreißen. Aber da er sie immer mächtiger an sich heranzog, drängte sie selbst sich ihm entgegen, ermattete, sank aufs Gras und mit ungeahnter Wonne gab sie sich seinen grimmigen Küssen hin. –
Manche Tage wandelte sie nun mit dem Hirten und seiner Herde durchs freie Land. In den heißen Mittagsstunden ruhten sie im Schatten der Bäume, nachts schliefen sie auf einsam weiten Auen, Die Herde, sonst gewohnt einem Flötenspiel zu folgen, das nun für immer verstummt schien, verlief sich allmählich, und am Ende hüpfte nur mehr ein kleines Lämmchen neben dem Paare einher.
Da kam nach hundert Sonnentagen und hundert Sternennächten an einem trüben Morgen ein rauher Wind über die Wiese gesaust, auf der die Liebenden geschlafen hatten, und Dionysia erwachte schaudernd. »Wach auf,« rief sie über den Hirten hin, »erhebe dich, mich friert. Fern im Morgennebel sehe ich Häuser liegen; hier läuft der Weg hinab, gehe rasch, kaufe mir Schuhe, Kleid und Mantel.«
Der Hirte stand auf, trieb das letzte Lämmchen vor sich her, verkaufte es in der Stadt, und für den Erlös brachte er Dionysia, was sie gewünscht hatte. Als Dionysia neu gekleidet war, streckte sie sich wieder auf den Boden hin, kreuzte die Arme über ihrem Haupt und sagte: »Nun möchte ich gerne wieder einmal etwas auf der Flöte spielen hören.«
»Ich habe keine Flöte mehr,« erwiderte der Hirte. »Du hast sie mir zerbrochen.«
»Du hättest sie fester halten sollen,« erwiderte Dionysia. Dann sah sie um sich und fragte: »Wo ist denn unser silberwolliges Gefolge?«
»Es hat sich verlaufen, da es mein Flötenspiel nicht mehr hörte,« antwortete der Jüngling.
»Warum hast du nicht besser achtgegeben?« fragte Dionysia.
»Ich habe mich um nichts gekümmert als dich,« erwiderte der Jüngling.
»Heute Morgen sah ich ja noch ein Lämmchen neben uns ruhn.«
»Das hab ich verkauft, um dir Schuhe, Kleid und Mantel zu bringen.«
»Wärst du mir nicht gehorsam gewesen,« sagte Dionysia ärgerlich, erhob sich und wandte sich ab.
»Wohin willst du denn?« fragte der Hirte schmerzlich erstaunt.
»Nach Hause,« erwiderte Dionysia, und sie fühlte ein leises Sehnen nach Erasmus.
»Das ist ein weiter Weg,« sagte der Hirt, »allein findest du nicht zurück, ich will dich
Weitere Kostenlose Bücher