Erzaehlungen
endlich dahin, daß sie ihren eigenen Überfluß wie ein Unrecht an jenen empfand, denen selbst das Notwendige versagt war, und wenn sie auch hier und dort von einem Tag auf den andern ein Schicksal günstiger zu gestalten imstande war, sie begriff bald, daß sie die Ordnung des Staates, ja die Gesetze der Welt hätte ändern müssen, um vollkommen nur für die Dauer zu helfen. Kummervoll stellte sie ihre Wanderungen ein, und weder die Vergnügungen der Geselligkeit, die ihr zahlreicher und lebhafter geboten waren als je, noch die Zärtlichkeiten ihres Geliebten konnten ihre Schwermut besiegen.
Zu dieser Zeit meldeten Gerüchte eine wachsende Unzufriedenheit der arbeitenden Bevölkerung, und der Gutsherr, ohne ein Wort des Vorwurfs, verhehlte Dionysia nicht, daß gerade sie an solcher in dieser Gegend bisher nicht erhörten Bewegung nicht minder durch ihre früher geübte Wohltätigkeit als durch deren unerwartete Einstellung mitschuldig sein mochte. Abgesandte erschienen im Schlosse, Erhöhung der Löhne und Herabsetzung der Arbeitszeit zu fordern; und einiges, im Verhältnis wachsenden eigenen Wohlstandes vermochte der Gutsherr zu gewähren. Eine Beruhigung trat ein, die nicht lange anhielt. Neue, immer lebhaftere Forderungen wurden erhoben, denen Erfüllung versagt werden mußte. Die Unruhe stieg an, wandte sich in Erbitterung, in einzelnen Gebieten wurde die Arbeit unterlassen, bald zwangen die Aufständischen auch dort dazu, wo man bisher noch weiter geschafft hatte; es kam zu Gewalttätigkeiten, der Gutsherr sah sich genötigt, die Regierung um Unterstützung anzugehen, Soldaten rückten herbei, der Grimm stieg, und Kämpfe erfolgten, mit Opfern auf beiden Seiten. Bald aber war der Sieg der Staatsgewalt völlig erklärt, einige Führer der Bewegung wurden ins Gefängnis geworfen, andere entlassen, neue Arbeitskräfte, die von überall zuzogen, aufgenommen, und es dauerte nicht lange, so rollten die Räder, rauchten die Schlote und keuchten die Maschinen rings im Gelände wie zuvor.
In jenen schweren Zeiten hatte Dionysia sich stille verhalten. Sie bangte um den Gutsherrn, der stets im Bannkreis der höchsten Gefahr zu finden war, zugleich aber jammerte sie das Los der Schwachen, deren Auflehnung sie besser zu begreifen vermeinte, als irgendwer. Wie immer die Entscheidung fallen sollte, Dionysia sah vorher, daß sie ihr keine Beruhigung bringen konnte; und am Tage der Entscheidung, da der Geliebte als Sieger in sein Schloß zurückgekehrt war, traf er Dionysia nicht mehr an. Arm und frei, wie sie gekommen, hatte sie den Weg nach der Heimat angetreten in der festen Meinung, daß nun keine Lockung mehr ihrer harren könnte.
IV
Die Bewegung, die an dem Orte, dem Dionysia den Rücken wandte, niedergeworfen schien, war nach anderen, näheren und ferneren, um so entschiedener weitergerückt, ergriff immer neue Kreise, verbreitete sich durch das ganze Land, so daß bald nicht nur die Arbeiter gegen die Fabrikherren, sondern auch die Armen gegen die Begüterten, die Abhängigen gegen die Freien, die Bürger gegen den Adel in Aufruhr standen. So geschah es, daß Dionysia schon am dritten Tag ihrer Wanderung in eine Art von Feldlager geriet, unter eine Rotte von Männern, Frauen, Halberwachsenen, Kindern, die zum Teil mit den sonderbarsten Waffen versehen waren. Man hielt die wohlgekleidete Reisende an; sie erklärte, daß sie auf dem Weg nach ihrer Heimat begriffen sei, und, wie sie leicht beweisen konnte, nicht mehr Geldes bei sich trug, als für die notwendigsten Bedürfnisse eben ausreichte. Ein älterer Mann, der sich ihrer gleich gegen die unziemlichen Spaße der Jüngeren angenommen, gab ihr zu bedenken, daß die Straßen unsicher wären, und sie am Ende froh sein müßte, gerade hier angehalten worden zu sein, wo trotz aller erlittenen Unbill die Sehnsucht nach Rache noch nicht in blindwütige Zerstörungs- und Mordlust ausgeartet wäre. Er riet ihr, vorläufig hier Rast zu halten, wo man sie bis auf weiteres jeden Schutzes versichern wollte, statt eine Reise fortzusetzen, auf der ihr, als einer allein wandernden schönen jungen Frau nicht allein die Gefahr des Todes drohen mochte. Dionysia gehorchte dem Rat um so williger, als sie unschwer vorhersehen konnte, wie übel man einen Widerstand aufnehmen würde, und merkte bald, daß sie sich wohl unter entschlossenen, doch nicht unbesonnenen Menschen befand. Es waren Bergleute, die ihr Leben bis vor wenigen Tagen in der Düsternis und dem Todesatem ungeheurer
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