Erzaehlungen
ihrer königlichen Eltern fernem Reich. Andere aber, die verdächtig schienen, wurden des Landes verwiesen, ja manche, die man für besonders gefährlich hielt, verschwanden in den Gefängnissen des Landes, die unersättlich schienen. Da auch das geringste Zeichen der Unzufriedenheit schonungslos geahndet wurde, kam Ruhe ins Land und Dionysia war endlich so unumschränkte Herrin, wie sie es kaum mit der Krone auf dem Haupt hätte sein können. Aber je höher ihre Macht anstieg, um so weniger wurde sie ihres Schicksals froh. Die Feste ihr zu Ehren wurden immer lauter, aber entbehrten jeder Heiterkeit. Selbst die Wonnen in des Fürsten Armen wurden schal und trüb, und bald erkannte Dionysia, daß sie im tiefsten wünschte, der Geliebte hätte sich ihren eitlen Wünschen widersetzt, und daß sie ihn zu verachten anfing, weil er ihr in allem zu Willen gewesen war. Um ihn zu erniedern, wie er es ihr zu verdienen schien, gab sie sich in dem fürstlichen Bette den Jünglingen vom Hofe hin, an denen sie ein augenblickliches Gefallen fand. Der Fürst, in Scham und Reue, verschloß zuerst seinen Grimm im Herzen, bald aber, mit erhitzten und verwirrten Sinnen ließ er sich die leicht errungene Gunst anderer Frauen gefallen, für die nun die Tore des Schlosses sich, wie früher für Dionysia, zu öffnen begannen. Doch wie zum Entgelt dafür stiegen die Jünglinge am höchsten bei Hofe, die Dionysias Begehrlichkeit am besten zu schmeicheln wußten. Ohne Zügel, Rücksicht und Scham trieb das Leben im Schlosse weiter, und bald hieß es im Volke, daß die Riesenfackeln der Festsäle in mancher Nacht wie im Grauen vor dem Übermaß der schmachvollen Lüste verlöschten, in denen Fürst und Geliebte, Buhlen und Buhlerinnen sich berauschten.
An einem grauen Morgen, den schimmernden Mantel um die nackten Schultern leicht gerafft, mit verhülltem Gesicht einer Schar von Trunkenen entfliehend, fort aus dem Saal, wo der Fürst selbst wie ein plötzlich rasend Gewordener mit gezücktem Messer ohne Ziel hin und her stürmte, eilte Dionysia die Treppe hinab, und einer Lockung folgend, die sie für die letzte hielt, strebte sie einem trüben Weiher zu, der unter Buchen am Ende des Parkes lag, um dort ihren Rausch, ihre Schmach, ihren Ekel mit ihrem abgetanen Leben zugleich und für ewig zu versenken. Doch wie sie in dem schillernden Wasser ihr verzerrtes Bild erblickte, erinnerte sie sich, was ihr zwei Jahre lang kaum mehr begegnet, – daß sie Mutter war. Sie wandte sich, eilte unter den hängenden Ästen nach dem Schloß zurück und mit flügeljungem Schritt in das Schlafgemach des siebenjährigen Prinzen. Mit keinem andern Gedanken war sie an sein Bett getreten, als ihn auf den Arm und mit sich in den Tod zu nehmen. Doch als sie ihn hier so ruhig schlummern sah, da schien ihr seine süße Kinderstirn wie von einer wundersamen, früher nie gesehenen Hoheit leuchtend; ein anderer Einfall zuckte ihr mit einem Male durch den Sinn und war gleich im Entstehen so mächtig, daß sie den schlafenden Prinzen auf die Arme nahm, mit ihren bloßen Füßen in den Festsaal zurückeilte, wo sie den Fürsten nur ganz allein, waffenlos, das Haar wirr in die Stirn hängend, mit einem ungeheuren Ernst an dem zerstörten, mit halbwelken Blumen bedeckten Tische sitzend fand. Sie wußte in diesem Augenblick, daß er von der gleichen Todessehnsucht erfüllt war wie sie selbst. Als er Dionysia mit dem schlaftrunkenen Prinzen vor sich sah, schaute er sie lange an und fragte nach dem Anlaß dieses sonderbaren Auftretens. Sie hielt ihm das Kind entgegen wie ein kostbares Geschenk und verlangte von ihm, daß er es noch am gleichen Tage zum Erben seines Reiches ernennen solle. Und als er betroffen schwieg, schwor sie im belebenden Frühglanz der neuen Sonne, die eben aufstieg, daß das wollüstig grauenvolle Treiben der letzten Zeit nun ein Ende haben solle, daß sie entschlossen sei, sich von nun an Werken des Wohltuns und der Gesetzgebung zu widmen und an des geliebten Fürsten Seite als treue Gefährtin zu walten. Sie traute sich die Kraft zu, die Schmach der vergangenen Jahre durch den Ruhm der kommenden auszulöschen und wollte sich dafür verbürgen, daß im Gedächtnis des Volkes die Erinnerung jener verflossenen Zeit nur wie die einer bösen Krankheit dumpf fortleben und endlich wie eine Sage erlöschen sollte. Die Erbschaftserklärung an ihren Sohn sollte die letzte Tat der Willkür sein und schien ihr so verzeihlich als geboten, da sie in jedem Sinne nur
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