Erzählungen
von Passanten gehindert wurden als am Anfang.
Der Regen fiel in Strömen, es wurde kalt, und die Menschen zogen sich mehr und mehr in ihre Häuser zurück. Mit einer ungeduldigen Gebärde trat der Wanderer schließlich in eine verhältnismäßig leere Seitenstraße ein. Eine Viertelstunde lang eilte er durch diese mit einer Schnelligkeit vorwärts, die ich einem so bejahrten Manne niemals zugetraut hätte und die mir meine Verfolgung sehr erschwerte. Nach kurzer Zeit erreichten wir ein großes, noch stark besuchtes Kaufhaus, mit dessen Lokalitäten der Fremde sehr bekannt zu sein schien. Er nahm seine ursprüngliche Haltung wieder an und bahnte sich durch den Schwarm der Käufer und Verkäufer seine ziellosen Kreuz- und Querwege.
Wir verbrachten ungefähr anderthalb Stunden an diesem Orte, und es erforderte meinerseits die größte Vorsicht, mich, ohne von ihm bemerkt zu werden, in seiner Nähe zu halten. Glücklicherweise trug ich ein Paar Gummiüberschuhe und trat daher ganz geräuschlos auf, so daß dem Unbekannten nicht einen Augenblick zum Bewußtsein kam, daß er verfolgt wurde. Er ging von einer Verkaufsstelle zur anderen, kaufte nichts, sprach kein Wort und starrte die Dinge mit seltsam abwesenden Blicken an. Sein Benehmen setzte mich in immer höheres Erstaunen, und ich beschloß bei mir, ihn jetzt erst recht nicht aus den Augen zu lassen, bis ich wenigstens irgend etwas über ihn in Erfahrung gebracht hätte. Von einem Turme schlug es laut elf, und die Menge beeilte sich, den Bazar zu verlassen.
Einer der Kommis, der die Läden vor den Schaufenstern herunterließ, stieß den alten Mann zufällig an, und ich sah, wie ein heftiger Schauder seinen ganzen Körper durchfuhr. Er eilte wieder auf die Straße hinaus, blickte angstvoll umher und lief dann mit unglaublicher Schnelligkeit durch viele winklige und öde Gassen, bis wir wieder auf die Hauptstraße gelangten, von der aus wir unsere Wanderung unternommen hatten. Sie bot indessen nicht mehr denselben Anblick, war zwar immer noch hell erleuchtet, aber bei dem strömenden Regen waren nur noch wenige Menschen zu sehen. Der Unbekannte wurde blaß; mit düsterer Miene schritt er ein paar Schritte auf der sonst so volkreichen Straße herauf, dann wandte er sich mit schwerem Seufzer in die Richtung nach dem Fluß hin. Er eilte durch verschiedene Straßen und langte endlich vor einem der Haupttheater an. Die Vorstellung war gerade zu Ende, und das Publikum drängte sich durch die Eingangstüren hinaus. Ich sah, wie der alte Mann tief aufatmete, während er sich in das dichteste Gewühl stürzte; auch schien der angstvolle Ausdruck etwas von seinem Gesicht gewichen zu sein.
Sein Kopf fiel wieder auf die Brust herab, und er zeigte auch sonst ganz sein altes Benehmen. Ich bemerkte, daß er den Weg einschlug, den der größere Teil des Publikums nahm; im übrigen wurde mir der Zweck seines ruhelosen Umherwanderns immer noch nicht klarer.
Je weiter wir schritten, desto mehr zerstreuten sich die Leute, und desto mehr fiel der alte Mann wieder in seine frühere Rastlosigkeit und Unstetigkeit zurück. Eine Zeitlang folgte er einer Gesellschaft von zehn oder zwölf lärmenden Nachtschwärmern, aber auch diese verloren sich nach und nach, bis in einer engen, düstern, verlassenen Straße bloß noch drei beisammen waren. Der Unbekannte stand still und schien einen Augenblick in Gedanken verloren, dann lenkte er mit allen Anzeichen innerer Aufregung seine Schritte einer Straße zu, die bis an die äußerste Grenze der Stadt führte und in Gegenden, die von denen, die wir bis jetzt durchschnitten, weit verschieden waren: in das widerwärtigste Viertel Londons, wo alle Dinge den häßlichen Stempel trostlosester Armut und abscheulichster Verkommenheit tragen. In dem trüben Lichte einer vereinzelten Laterne bemerkte man alte, hohe, wurmstichige, hölzerne Behausungen, die dem Einsturz nahe schienen und so unordentlich und willkürlich umherstanden, daß es einen Weg, der den Namen Straße verdient hätte, gar nicht gab. Die Pflastersteine waren durch das frei wuchernde Gras aus ihren Fugen gedrängt. Unrat verweste in den verstopften Rinnen. Die ganze Atmosphäre schien von dieser Verwahrlostheit vergiftet. Jedoch, je weiter wir schritten, desto lauter vernahmen wir die Stimmen des Lebens, und schließlich sahen wir ganze Rotten des verkommensten Pöbels einhertaumeln. Die Lebensgeister des alten Mannes flammten noch einmal auf, wie eine Lampe, die dem Erlöschen nahe ist,
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