Erzählungen
und noch einmal wurden seine Schritte schneller. Als wir um eine Ecke bogen, drang plötzlich ein lebhafter Lichtschein auf uns ein – wir standen vor einem jener vorstädtischen Tempel der Unmäßigkeit, einem der Paläste des Dämons Alkohol.
Es hatte schon zu dämmern begonnen, doch drängten sich noch immer neue Scharen elender Trunkenbolde durch die großen Türen aus und ein. Mit einem halb unterdrückten, heiseren Freudengeschrei bahnte sich der alte Mann seinen Weg und ging in seiner ursprünglichen Haltung wieder ziel- und zwecklos unter der Menge auf und ab. Dies dauerte jedoch nicht allzulange, da sich bald ein allgemeines Drängen nach den Ausgängen bemerkbar machte: der Wirt wollte für diese Nacht sein Lokal schließen. Was sich jetzt auf dem Angesicht des sonderbaren Wesens, das ich so hartnäckig verfolgte, abspiegelte, war mehr als Verzweiflung. Doch hielt der Greis nicht einen Augenblick in seinem Wandern inne, sondern wandte seine Schritte mit krankhafter Ausdauer wieder dem Herzen des großen London zu.
Rasch, in stets gleichem Tempo schritt er dahin, während ich ihm in immer wachsender, seltsamer Verwunderung folgte. Die Sonne ging auf, wie wir so dahinschritten, und als wir in dem belebtesten Teil der volkreichen Stadt anlangten und durch die Hauptstraße mit dem großen Café D. kamen, herrschte dort bereits wieder Menschengewühl und ein Verkehr, der dem Treiben am vorhergegangenen Abend in nichts nachstand. Auch hier, während das erwachte Leben wuchs und an Fülle immer noch zunahm, setzte ich meine Verfolgung beharrlich fort. Seiner Gewohnheit nach ging der Unbekannte hin und her und kam, solange es Tag war, nicht mehr aus dem Getümmel jener Straße heraus. Doch als sich die Schatten des zweiten Abends niedersenkten, fühlte ich mich zu Tode erschöpft. Ich trat dem Wanderer fest entgegen und blickte ihm unverwandt ins Gesicht. Aber er bemerkte mich nicht, sondern setzte seine feierliche Wanderung ruhig fort. Jetzt folgte ich ihm nicht weiter und blieb in tiefem Nachdenken stehen. »Dieser alte Mann«, sagte ich endlich zu mir selbst, »ist die Verkörperung, ist der Geist des Verbrechens. Er kann nicht allein sein. Er ist der Mann der Menge. Es wäre vergebens, ihm noch weiter nachzugehen, denn ich würde doch nichts von ihm, nichts von seinen Taten erfahren .«
Das schlechteste Herz der Welt ist ein abschreckenderes Buch als der Hortulus Animae ; und vielleicht ist es eine der großen Barmherzigkeiten Gottes, ›daß es sich nicht lesen läßt‹ !?
DER GESCHÄFTSMANN
The Business Man ()
Methode ist die Seele des Geschäfts. (Altes Sprichwort)
Ich bin ein Geschäftsmann. Ich bin ein methodischer Mann. Methode ist die Hauptsache. Nichts ist mir verhaßter als jene exzentrischen Narren, die immer von Methode schwatzen und doch nichts davon verstehen; die sich pedantisch an den Buchstaben klammern und den Sinn mit Füßen treten. Solche Leute reden von planmäßiger Arbeitsweise und tun doch die abwegigsten Dinge. Ich finde, hier steckt ein richtiges Paradox. Wahre Methode eignet sich nur für das Alltägliche und Vor-Augen-Liegende, läßt sich niemals auf das Außergewöhnliche anwenden. Was sollte man sich auch unter Ausdrücken wie ›methodischer Dandy‹ oder ›systematisches Irrlicht‹ vorstellen?
Meine Kenntnisse über diesen Punkt wären nicht so abgeklärt, wenn mir nicht in meiner frühen Jugend ein glückliches Ereignis zugestoßen wäre. Eine gutherzige irische Amme (die ich in meinem Testament nicht vergessen werde) packte mich eines Tages bei den Fersen, als ich gerade mehr Lärm vollführte, als notwendig war, schwang mich zwei- oder dreimal durch die Luft und stieß mir dann den Schädel an den Bettpfosten. Diese Tat, behaupte ich, entschied mein Schicksal und machte mein Glück. Sofort wölbte sich eine Beule aus meiner Stirn empor und erwies sich als vortreffliches Organ für Ordnung. Von da an begann meine Neigung zu Systematik und Regelmäßigkeit, durch die ich mich zu dem herrvorragenden Geschäftsmann entwickeln konnte, der ich heute bin.
Wenn ich etwas auf Erde hasse, so ist es das Genie. Genies sind große Esel – je größer das Genie, um so größer der Esel; von dieser Regel gibt es keine Ausnahme. Vor allem kann man aus dem Genie so wenig einen Geschäftsmann machen, wie Geld aus einem Juden pressen oder Muskatnüsse aus den Knorren im Föhrenholz. Solche Geschöpfe lassen sich immer von phantastischen Vorstellungen oder von
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