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Erzählungen

Erzählungen

Titel: Erzählungen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Edgar Allan Poe
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lächerlichen Spekulationen ablenken, die in krassem Widerspruch zur Zweckmäßigkeit der Dinge stehen und mit dem, was man von Rechts wegen Geschäft nennt, nichts zu tun haben. Man erkennt solche Charaktere sofort an der Art ihrer Beschäftigung. Wenn einmal ein Mann sich als Kaufmann oder Handwerker niederläßt oder sich mit Baumwoll-, Tabakhandel oder ähnlichen exzentrischen Dingen abgibt, wenn einer Kurzwaren verkauft oder Seife fabriziert oder ähnliches, wenn einer sich für einen Juristen, Schmid oder Arzt oder sonst etwas Abwegiges ausgibt, so kannst du ihn ohne weiteres als ein Genie brandmarken. Er ist folglich ein Esel.
    Ich selbst bin nun durchaus kein Genie, sondern ein richtiger Geschäftsmann. Mein Tagebuch und Hauptbuch werden dies im Augenblick beweisen. Sie sind gut geführt – das sage ich selbst; ich bin an Pünktlichkeit und Genauigkeit so gewöhnt, daß ich darin nicht einmal von einer Uhr übertroffen werden kann. Noch mehr; ich habe meine Beschäftigungen immer so eingerichtet, daß sie mit den Gepflogenheiten meiner Mitmenschen im Einklang standen.
    In dieser Hinsicht fühle ich mich freilich meinen außerordentlich schwach begabten Eltern nicht verpflichtet; sie würden ohne Zweifel ein trostloses Genie aus mir gemacht haben, wenn nicht zur rechten Zeit mein Rettungsengel mich erlöst hätte. Bei einer Lebensbeschreibung, vor allem bei der eigenen ist Wahrheit die Hauptsache – und doch wage ich nicht zu hoffen, daß man mir glaubt, wenn ich hiermit feierlich feststelle, daß mein schwachsinniger Vater mich, als ich etwa fünfzehn Jahre alt war, in das Kontor eines ›achtenswerten Metallwaren-Kommissionshändlers‹ steckte, ›eines Mannes, der das Geschäft in großzügiger Weise betrieb‹, wie er sich ausdrückte! Ja, ein großzügiger Possenstreich! Die Folge dieser Torheit war, daß ich nach zwei bis drei Tagen mit hochgradigem Fieber und überaus heftigen und gefährlichen Schmerzen in der Stirn, rund um mein Organ für Ordnungssinn, zu meiner bornierten Familie zurückgeschickt werden mußte. Um ein Haar wäre es damals um mich geschehen gewesen – ich schwebte sechs Wochen lang zwischen Leben und Tod – die Ärzte hatten mich bereits aufgegeben, und so weiter. Aber trotzdem ich schwer leiden mußte, war ich doch im Grunde meines Herzens ein dankbarer Junge. Man erlöste mich mit der Aussicht, ›ein achtenswerter Metallwaren-Kommissionshändler, der das Geschäft in großzügiger Weise betreibt‹, zu werden, und ich fühlte mich meinen Stirnvorsprung dankbar, der mir Mittel zur Rettung geworden war, und auch jenem gutherzigen Weib, dem ich jenes Mittel zur Rettung ursprünglich zu verdanken hatte.
    Die meisten Jungen brennen mit zehn oder zwölf Jahren von Hause durch, ich aber wartete, bis ich sechzehn war. Ich weiß nicht einmal, ob ich dann ausgerissen wäre, wenn ich nicht zufällig meine alte Mutter davon hätte sprechen hören, mich im Kolonialwarenhandel unterzubringen. Kolonialwarenhandel – man stelle sich vor!
    Ich beschloß, mich auf der Stelle aus dem Staube zu machen und zu versuchen, mir auf eigene Faust eine entsprechende Beschäftigung zu suchen, ohne mich länger den Launen der exzentrischen alten Leute auszusetzen und Gefahr zu laufen, schließlich doch noch zum Genie gemacht zu werden. Bei diesem Vorhaben hatte ich auf den ersten Anhieb Erfolg und als ich eben achtzehn Jahre alt geworden war, fand ich mich in einer ausgedehnten und gewinnbringenden Tätigkeit in der ›Mode-Spaziergangs-Schau-Branche‹.
    Nur durch rücksichtsloses Festhalten am Planmäßigen, das das leitende Element meines Geistes war, wurde ich befähigt, die schwierigen Pflichten dieses Berufes zu erfüllen. Peinliche Methodik äußerte sich ebenso in meinen Handlungen wie in meinen Rechnungen. Bei mir war es Methode, nicht Geld, was den Mann macht, das heißt, soviel von ihm nicht der Schneider machte, dem ich diente. Jeden Morgen um neun Uhr suchte ich den Mann auf und fragte nach den Kleidern des Tages. Um zehn Uhr befand ich mich auf einem vornehmen Promenadenweg oder an einem öffentlichen Vergnügungsort. Die abgemessene Methode, mit der ich meine anmutvolle Persönlichkeit hin und herwandte, um in zweckentsprechender Folge jeden Teil des Anzugs sehen zu lassen, den ich trug, erwarb sich bald die Bewunderung aller Kenner auf diesem Gebiet des Handels. Niemals ging die Mittagsstunde vorüber, ohne daß ich einen Kunden in das Geschäft meiner Arbeitgeber, der Herrn Schnitt &

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