Erzählungen
sonum.‹
Ich sagte Ihnen, daß sich dies auf den Orion bezöge, den man früher Urion schrieb, und war sicher, daß Sie die Erklärung wegen gewisser Einzelheiten, die mit ihr verbunden waren, nicht. vergessen hatten. Ich konnte also mit Sicherheit schließen, daß Sie die beiden Begriffe Orion und Chantilly unwillkürlich miteinander verbinden würden. Daß dies auch wirklich der Fall war, erkannte ich aus der Art des Lächelns, das jetzt um Ihre Lippen zuckte. Sie dachten an die Abschlachtung des armen Schusters. Bis dahin waren Sie ein wenig gebückt einhergegangen, nun sah ich, daß Sie sich zu Ihrer vollen Höhe aufrichteten. Ich war überzeugt, daß Sie an die kleine Statur Chantillys dachten. An dieser Stelle unterbrach ich Ihren Gedankengang mit der Bemerkung, daß er wirklich ein kleines Kerlchen sei und besser täte, zum Varieté zu gehen.«
Kurze Zeit später lasen wir zusammen die Gazette des Tribunaux durch und wurden auf folgende Notiz aufmerksam:
›Sensationeller Mord!!! Heute morgen gegen drei Uhr wurden die Bewohner des Quartiers St. Roch durch anhaltendes gräßliches Geschrei aus dem Schlafe geschreckt. Die Hilferufe drangen anscheinend aus dem vierten Stockwerk eines Hauses in der Rue Morgue hervor, welches, wie man wußte, nur von einer Madame L’Espanaye und ihrer Tochter, Mademoiselle L’Espanaye, bewohnt war. Nach einigen Verzögerungen, die dadurch entstanden waren, daß man versucht hatte, sich auf gewöhnlichem Wege Eingang zu verschaffen, wurde die Haustür mit einer Eisenstange erbrochen, und acht oder zehn Nachbarn traten, von zwei Gendarmen begleitet, ein. Mittlerweile waren die Schreie verstummt, aber als die Leute die erste Treppe hinaufstürzten, unterschieden sie zwei oder mehr rauhe Stimmen, die sich ärgerlich stritten und aus dem oberen Teil des Hauses hervorzudringen schienen. Als man den zweiten Treppenabsatz erreichte, hörten auch die Töne auf, und alles blieb totenstill. Die Leute verteilten sich und eilten von einem Zimmer ins andere. Ein großes Hinterzimmer im vierten Stock fanden sie von innen verschlossen und brachen die Tür auf. Da bot sich ein Anblick dar, der die Anwesenden mit Grauen und nicht geringem Erstaunen erfüllte.
Das Zimmer war in der wildesten Unordnung: die Möbel zertrümmert und nach allen Seiten umhergeworfen. Aus einer Bettstelle waren die Betten herausgerissen und in die Mitte des Zimmers geschleppt worden. Auf einem Stuhl lag ein mit Blut beflecktes Rasiermesser. Auf dem Kamin fand man zwei oder drei lange, dichte Flechten von grauem Menschenhaar, die auch mit Blut besudelt waren und mit den Wurzeln herausgerissen zu sein schienen. Auf dem Boden lagen vier Napoléons, ein Ohrring mit einem Topas, drei große silberne Löffel, drei kleinere von ›métal d’Algier‹ und zwei Beutel, die beinahe viertausend Francs in Gold enthielten. Die Schubfächer eines Schreibtisches standen offen und waren ohne Zweifel geplündert worden, obgleich sie noch eine Menge Gegenstände enthielten.
Eine kleine eiserne Geldkiste wurde unter den Betten (nicht unter der Bettstelle) gefunden. Sie stand ebenfalls offen, der Schlüssel steckte noch im Schloß. Ihr Inhalt bestand aus alten Briefen und einigen anderen unwichtigen Papieren.
Von Madame L’Espanaye war keine Spur zu entdecken, aber da man auf dem Kamin eine ungewöhnliche Menge Ruß bemerkte, forschte man im Kaminrohr nach und zog – es ist grauenhaft, nur daran zu denken – den Leichnam der Tochter aus ihm hervor, der mit dem Kopf nach unten ziemlich hoch in den Schlot hinaufgezwängt worden war. Der Körper war noch ganz warm. Bei der Untersuchung entdeckte man zahlreiche Hautabschürfungen, die ohne Zweifel durch die Heftigkeit, mit welcher man den Leichnam hinaufgeschoben und wieder herausgezogen hatte, verursacht worden waren. Das Gesicht wies viele schwere Kratzwunden auf, und an der Kehle waren tiefe Fingerabdrücke und dunkle Quetschungen zu sehen, als sei die Tote erwürgt worden.
Nachdem man alle Teile des Hauses auf das gründlichste untersucht hatte, ohne Näheres zu entdecken, begaben sich die Leute in einen gepflasterten Hof an der Rückseite des Hauses. Hier fand man den Körper der alten Dame mit so vollständig durchschnittenem Halse, daß der Kopf, bei dem Versuch, die Leiche aufzurichten, abfiel.
Der Körper sowohl wie der Kopf waren auf das gräßlichste verstümmelt, letzterer in einer Weise, daß er kaum noch etwas Menschlichem ähnlich sah.
Man hat unseres Wissens bis
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