Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Erzählungen

Erzählungen

Titel: Erzählungen Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Edgar Allan Poe
Vom Netzwerk:
Torweg, dem zur Seite ein Schiebefensterchen angebracht war, das die Portiersloge anzeigte. Ehe wir eintraten, gingen wir die Straße hinauf, bogen in eine Seitengasse ein, wandten uns wieder zurück und gingen auch an der Hinterseite des Hauses vorbei, während Dupin sowohl die ganze Nachbarschaft wie das Haus mit einer gründlichen Aufmerksamkeit betrachtete, die ich für ziemlich überflüssig hielt.
    Dann wandten wir unsere Schritte wieder der Front des Hauses zu, klingelten, zeigten unsere Erlaubnisscheine vor und wurden von dem wachhabenden Beamten eingelassen. Wir begaben uns nach oben und traten in das Zimmer, in dem man den Leichnam des Fräuleins L’Espanaye gefunden hatte und in dem die beiden Verstorbenen lagen.
    An der Unordnung im Zimmer war, wie in solchen Fällen immer, nichts geändert worden. Ich bemerkte nichts weiter, als was in der  Gazette des Tribunaux schon erwähnt worden war. Dupin untersuchte alles aufs gründlichste, selbst die Körper der Opfer. Wir durchschnitten die übrigen Zimmer und traten in den Hof; ein Gendarm begleitete uns auf Schritt und Tritt. Die Untersuchungen nahmen uns bis zum Anbruch der Dunkelheit in Anspruch, dann verabschiedeten wir uns. Auf unserem Heimweg trat mein Gefährte einen Augenblick in die Expedition eines der Tageblätter ein.
    Ich habe schon gesagt, daß Dupin voll der bizarrsten Launen war und daß ich ihn so viel wie möglich seine eigenen Wege gehen ließ.
    Heute hatte er sich in den Kopf gesetzt, bis Mittag des nächsten Tages jeder Unterhaltung über das Mordthema auszuweichen. Dann jedoch fragte er mich plötzlich, ob ich nicht irgend etwas Besonderes an der Stätte des Greuels wahrgenommen hätte.
    In der Art und Weise, wie er das Wort ›Besonderes‹ hervorhob, lag etwas, das mich schaudern machte, ohne daß ich wußte, weshalb.
    »Nein«, antwortete ich, »nichts Besonderes, wenigstens nicht mehr, als schon in der Zeitung gestanden hat.«
    »Die Gazette «, meinte er, »hat, wie ich fürchte, das ungewöhnlich Grauenhafte der Sache nicht recht begriffen. Aber sehen wir von den müßigen Ansichten dieser Zeitung ab. Mir scheint es, daß das Geheimnis gerade aus dem Grunde leicht zu enthüllen ist, aus dem es für unerklärlich gehalten wird – ich meine, daß die Umstände, unter denen die Tat geschehen ist, nur ein kleines, deutlich begrenztes Feld für Vermutungen zulassen. Die Polizei ist verwirrt, weil anscheinend jedes Motiv, wenn nicht zum Mord selbst, so doch zu der Scheußlichkeit des Mordes fehlt. Sie steht verblüfft vor der scheinbaren Unmöglichkeit, die vielfach gehörten streitenden Stimmen mit der Tatsache in Einklang zu bringen, daß man oben im Haus außer der Ermordeten niemanden entdeckte und doch keiner das Haus verlassen konnte, ohne an den heraufeilenden Leuten vorüberzukommen.
    Die wilde Unordnung im Zimmer, der mit dem Kopf nach unten in den Schornstein hinaufgezwängte Leichnam, die gräßlichen Verstümmelungen am Körper der alten Dame sowie noch einige weitere Tatsachen, die ich nicht zu erwähnen brauche, haben genügt, um die geistigen Kräfte der Polizeibeamten lahmzulegen, indem sie ihren gerühmten Scharfsinn irreführten. Sie sind in den groben, aber häufig vorkommenden Irrtum verfallen, das Ungewöhnliche mit dem Geheimnisvollen zu verwechseln. Aber gerade dies Abweichen vom Wege des Gewöhnlichen ist für die Vernunft ein Fingerzeig, der sie auf die Straße zur Wahrheit weist. Bei Nachforschungen von der Art der unserigen sollte man nicht so sehr fragen: ›Was ist geschehen?‹ als vielmehr: ›Was ist geschehen, was noch niemals vorher geschehen ist?‹
    In der Tat steht die Leichtigkeit, mit der ich zu der Lösung des Rätsels gelangen werde oder schon gelangt bin, in gleichem Verhältnis zu seiner scheinbaren Unauflösbarkeit in den Augen der Polizei.«
    In sprachlosem Erstaunen starrte ich den Sprecher an.
    »Ich erwarte jetzt«, fuhr er, nach der Tür blickend, fort, »eine Person, die, wenn auch vielleicht gerade nicht der Täter, so doch an der Ausübung der Metzeleien in gewissem Grade beteiligt gewesen sein muß. An dem schlimmsten Teil der begangenen Verbrechen ist er höchstwahrscheinlich unschuldig. Ich hoffe, daß ich mit dieser Voraussetzung recht habe, denn ich habe meine ganze Hoffnung, das Rätsel vollständig lösen zu können, darauf aufgebaut. Ich erwarte diesen Mann hier, er kann jeden Augenblick eintreten. Es ist möglich, daß er nicht kommt, wahrscheinlicher, daß er es tun wird.

Weitere Kostenlose Bücher