Esquivel, Laura - Bittersuesse Schokolade
ihr als Kind beigebracht hatte:
»Im Tautropfen leuchtet die Sonne,
dann wird der Tautropfen trocken
in meinen Augen, und dort leuchtest du,
ich, ich lebe ...«
Rosaura war gerührt, als sie in den Augen ihrer Schwester Tränen sah, die sie dem Glück zuschrieb, und ein wenig fühlte sie sich von den Schuldgefühlen befreit, die sie zeitweilig gequält hatten, weil sie Titas Bräutigam zum Ehemann genommen hatte. Freudig erregt verteilte sie sogleich Sektgläser unter den Anwesenden und schlug vor, auf das Glück der Frischverlobten anzustoßen. Als alle vier sich in der Mitte des Salons versammelt hatten, stieß Pedro mit seinem Glas so heftig an, daß es in tausend Stücke zersprang und der Sekt aus den anderen Gläsern allen über Gesicht und Kleidung spritzte.
Es war nur ein Segen, daß Chencha just im Moment der größten Verwirrung eintrat, um Worte von wahrhaft magischer Wirkung auszusprechen: »Das Essen ist serviert.« Diese Verlautbarung kühlte die Gemüter der Anwesenden und gab ihnen die Fassung wieder, die einer Verlobung gebührte und die sie um ein Haar verloren hätten. Wenn vom Essen die Rede ist, einer durchaus ernstzunehmenden Angelegenheit, schenken ihm nur Dummköpfe und Kranke nicht die verdiente Aufmerksamkeit. Und da sich kein solcher unter ihnen befand, begaben sich alle bestens gelaunt zum Eßzimmer.
Während der Mahlzeit verlief alles komplikationslos dank Chenchas witziger Einlagen beim Servieren. Das Gericht war nicht so vorzüglich geraten wie andere Male, vielleicht auch aufgrund der schlechten Laune, die Tita während der gesamten Zubereitungszeit begleitet hatte, doch man konnte auch nicht gerade sagen, es sei ungenießbar. Champandongo ist ein äußerst wohlschmeckendes Gericht, so daß nicht einmal die schlechteste Laune dieser Delikatesse wesentlich schaden könnte. Als die Tafel schließlich aufgehoben war, begleitete Tita John noch bis zur Hoftür, wo sie sich einen ausgiebigen Abschiedskuß gaben. Gleich am darauffolgenden Tag gedachte John abzureisen, um so bald wie möglich wieder daheim zu sein.
Zurück in der Küche, trug Tita Chencha auf, das Zimmer und die Matratzen zu reinigen, wo sie von nun an mit ihrem Mann Jesus leben sollte, nicht ohne ihr zuvor noch aufrichtig für ihre außerordentliche Hilfe zu danken. Bevor sie zu Bett gingen, mußten sie sichergehen, daß sie nicht unerwartet von Wanzen in ihrem Zimmer belästigt wurden. Die letzte Hausangestellte, die dort schlief, hatte es mit diesen unangenehmen Hausgenossen verseucht, und Tita war vor lauter Arbeit seit der überstürzten Niederkunft Rosauras keine Zeit geblieben, um den Raum zu desinfizieren.
Das beste Mittel zur Ausmerzung der Wanzen ist eine Mischung aus einem Glas Weingeist, einer halben Unze Terpentinessenz und einer halben Unze Kampferpulver. Damit schmiert man die befallenen Stellen ein und bringt das Ungeziefer so vollkommen zum Verschwinden.
Nach dem Abwasch begann Tita damit, Geschirr und Töpfe an ihrem Platz zu verstauen. Noch war sie nicht müde, und lieber vertrieb sie sich die Zeit mit dieser Tätigkeit, als sich schlaflos im Bett zu wälzen. Die unterschiedlichsten Eindrücke gingen ihr nach, und die beste Art, sie in ihrem Kopf zu ordnen, bestand darin, zunächst die Küche aufzuräumen. Also griff sie nach einer großen Tonpfanne, um sie in die einstige dunkle Kammer, wo inzwischen das Gerümpel aufbewahrt wurde, zu räumen. Nach Mama Elenas Tod hatte man gesehen, daß niemand sie zum Baden benutzte, da alle die Dusche auf dem Hof bevorzugten, und sie daraufhin zum Abstellraum deklariert.
In einer Hand trug sie die Pfanne und in der anderen eine Petroleumlampe. Vorsichtig betrat sie die Kammer, um nicht gegen einen der zahlreichen Gegenstände zu stoßen, die ihr bis zu der selten benutzten Stelle, wo die Küchengeräte aufbewahrt wurden, im Weg standen. Das Licht der Petroleumlampe leuchtete ihr voraus, doch bis hinter ihren Rücken, wo sich lautlos ein Schatten löste, um die Tür zu schließen, reichte es nicht.
Als sie die Anwesenheit einer fremden Person spürte, schnellte Tita auf dem Absatz herum, und da fiel das Licht auf Pedro, der soeben dabei war, die Tür zu verriegeln.
»Pedro, was machen Sie denn hier?«
Wortlos kam Pedro näher, löschte das Licht, zerrte sie in die Richtung, wo das alte Eisenbett ihrer Schwester Gertrudis stand, und warf sie darauf, beraubte sie dann ihrer Jungfernschaft und ließ sie die wahre Liebe kennenlernen.
In ihrem Schlafzimmer
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