Ferne Ufer
vergeudet worden.
Ian und sein ältester Sohn Jamie hatten sich damals quer durch Schottland zur Seehundinsel in der Nähe von Coigach begeben. Aus Angst, daß sich die Sache mit dem Schatz herumsprechen könnte, hatten sie sich kein Fischerboot genommen. Der junge Jamie war wie damals sein Onkel zu dem Seehundfelsen hinausgeschwommen. Er fand den Schatz unberührt, nahm drei Goldmünzen und drei der kleineren Edelsteine an sich und legte den restlichen Schatz wieder zurück. Dann schwamm er zurück an Land.
Anschließend setzten sie nach Frankreich über, wo ihnen ihr Cousin Jared Fraser, der dort als erfolgreicher Weinhändler im Exil lebte, dabei half, die Goldmünzen und die Edelsteine unter der Hand zu Bargeld zu machen, und die Aufgabe übernahm, das Geld an die darbenden Jakobiner zu verteilen.
Dreimal hatte Ian mit einem seiner Söhne die beschwerliche Reise an die Küste gemacht und aus dem verborgenen Schatz etwas entnommen, um jemandem, der in Not war, zu helfen. Zweimal ging das Geld an Freunde in Frankreich, einmal wurden neue Pflanzen und Nahrungsmittel für Lallybroch gekauft, damit die Pächter nach einer mageren Kartoffelernte den Winter überlebten.
Nur Jenny, Ian und die beiden Ältesten Jamie und Michael wußten von dem Schatz. Da Ian wegen seines Holzbeins nicht schwimmen konnte, mußte ihn jedesmal einer der Söhne begleiten. Nun wäre die Reihe am jungen Ian.
»Nein«, sagte Jenny noch einmal, wenn auch halbherzig, wie ich vermutete. Ian nickte bereits nachdenklich.
»Würdest du ihn auch nach Frankreich mitnehmen, Jamie?«
Jamie nickte.
»Aye, darum geht es. Ich muß Lallybroch eine Weile verlassen - um Laoghaires willen. Ich kann nicht vor ihrer Nase mit dir hier leben«, sagte er entschuldigend zu mir. »Wenigstens so lange nicht, bis sie wieder geheiratet hat.« Dann wandte er sich erneut Ian zu.
»Ich habe dir nicht alles erzählt, was sich in Edinburgh zugetragen hat, Ian, aber es wäre sicher am besten, ich hielte mich eine Zeitlang auch von dort fern.«
Regungslos saß ich da und versuchte, die Neuigkeiten zu verdauen. Mir war nicht klar gewesen, daß Jamie beabsichtigte, Lallybroch und sogar Schottland zu verlassen.
»Was wirst du also tun, Jamie?« Jenny hatte die Stickerei, die ihr nur als Vorwand gedient hatte, beiseite gelegt und die Hände im Schoß gefaltet.
Er rieb sich die Nase. »Tja«, begann er. »Jared hat mir mehr als einmal angeboten, mich in seiner Firma aufzunehmen. Vielleicht sollte ich in Frankreich bleiben, zumindest ein Jahr lang. Ich habe mir überlegt, ob wir nicht den jugen Ian mitnehmen sollten, dann kann er in Paris zur Schule gehen.«
Jenny und ich wechselten einen langen Blick. Schließlich neigte
Jenny den Kopf ein wenig zur Seite. Lächelnd nahm Ian ihre Hand.
»Es wird schon alles gutgehen, mo nighean dubh «, sagte er leise und zärtlich zu ihr. Dann wandte er sich an Jamie.
»Aye, nimm ihn mit. Es ist eine fabelhafte Gelegenheit für den Knaben.«
»Bist du sicher?« sagte Jamie zögernd, wobei die Frage eher an Jenny als an Ian gerichtet war. Ihre blauen Augen schimmerten im Lichtschein, und ihre Nasenspitze war hellrot.
»Es ist wohl das beste, wenn wir ihm die Freiheit geben, solange er noch denkt, sie sei ein Geschenk von uns«, sagte sie. Sie blickte erst Jamie an, dann mich. »Aber ihr paßt gut auf ihn auf, aye?«
39
Verloren und vom Wind beweint
Dieser Teil Schottlands besaß ebensowenig Ähnlichkeit mit den belaubten Tälern und Lochs in der Gegend um Lallybroch wie die Moorlandschaft in Yorkshires Nordosten. Hier gab es kaum Bäume, sondern über weite Flächen nur Heidekraut und Felsen, deren Spitzen den drohenden Himmel berührten und sich jäh in Nebelschleiern verloren.
Je mehr wir uns der Küste näherten, desto nebliger wurde es. Immer früher legte sich nachmittags der Dunst über das Land. Da er sich am Morgen auch später auflöste, hatten wir nur wenige Stunden am Tag gute Sicht. Deshalb kamen wir nur langsam voran, was aber lediglich dem jungen Ian etwas ausmachte, der vor Aufregung zappelte und es kaum erwarten konnte, endlich am Ziel zu sein.
»Wie weit ist es von der Küste bis zur Seehundinsel?« fragte er Jamie zum zehntenmal.
»Eine Viertelmeile«, antwortete sein Onkel.
»Die Strecke kann ich schwimmen«, versicherte Ian, ebenso zum zehntenmal. Er hielt die Zügel fest umklammert und reckte wild entschlossen das knochige Kinn.
»Aye, ich weiß, daß du das kannst«, bestätigte Jamie geduldig. Ein
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