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Ferne Ufer

Titel: Ferne Ufer Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Diana Gabaldon
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Welt den Atem an. Nach dem Kanonenschlag waren selbst die Alken und Sturmtaucher verstummt.
    Aus dem grauen Felsgestein zu meinen Füßen - kaum einen Meter von der Spalte, in der ich Zuflucht gesucht hatte - hatte die Kugel ein Stück herausgesprengt.
    »Was sollen wir tun?« Ich war wie betäubt. Es schien mir unfaßbar, was sich an diesem Nachmittag ereignet hatte. Es war mir unbegreiflich, daß Ian innerhalb einer Stunde einfach verschwunden war, als hätte er sich in Luft aufgelöst. Dicht und undurchdringlich lauerte die Nebelbank draußen vor der Küste.
    Vor meinem geistigen Auge spielte sich unaufhörlich die Szene ab, die ich auf der Seehundinsel beobachtet hatte. Die Ereignisse standen mir mit der Klarheit vor Augen, die Tragödien anhaftet; jede Einzelheit hatte sich in mein Gedächtnis gebrannt. Jedesmal, wenn sich der Film erneut abspulte, hoffte ich vage darauf, seinen Ablauf verändern zu können.
    In Jamies unbewegliches Gesicht hatten sich tiefe Falten von der Nase bis zum Mund gegraben.
    »Ich weiß es nicht«, sagte er. »Zum Teufel, ich weiß nicht, was ich tun soll.« Seine Hände ballten sich zu Fäusten, und er schloß heftig atmend die Augen.
    Dieses Eingeständnis machte mir noch mehr angst. In der kurzen gemeinsamen Zeit, die hinter uns lag, hatte ich mich bereits wieder daran gewöhnt, daß er stets wußte, was zu tun war, selbst wenn die Lage noch so aussichtslos erschien.
    Ich fühlte mich so hilflos, als hätte mich ein Strudel erfaßt. Jeder Nerv in mir schrie danach, etwas zu unternehmen - aber was?
    An Jamies Handgelenk entdeckte ich Blut - er hatte sich die Hand aufgeritzt, als er den Felsen hinunterkletterte. Endlich konnte ich etwas tun!
    »Du hast dich geschnitten«, sagte ich und berührte seine verletzte Hand. »Laß mal sehen. Ich verbinde sie dir.«
    »Nein«, wehrte er ab und wandte sich ab. Voller Verzweiflung blickte er aufs Meer hinaus. Als ich die Hand nach ihm ausstreckte, riß er die seine weg.
    »Nein, hab’ ich gesagt! Laß mich!«

    Ich schluckte schwer und verschränkte unter meinem Umhang die Arme. Obwohl jetzt selbst auf der Landzunge so gut wie kein Wind mehr ging, war es kalt und klamm.
    Als Jamie sich gleichgültig die Hand an der Vorderseite seines Rockes abwischte, färbte sich der Stoff rostrot. Immer noch blickte er unverwandt dorthin, wo das Schiff verschwunden war. Dann schloß er die Augen, und seine Lippen wurden schmal. Als er die Augen wieder öffnete, machte er eine entschuldigende Geste in meine Richtung und wandte sich zur Landzunge um.
    »Wir müssen die Pferde einfangen«, sagte er leise. »Komm.«
    Schweigend gingen wir zurück über dichtes, kurzes Gras und Felsen. Entsetzen und Sorgen raubten uns die Worte. In der Ferne sah ich die Pferde. Unsere zwei waren zu Ians Pony zurückgaloppiert, das noch mit Fußfesseln an der alten Stelle wartete. Der Weg von der Landzunge zur anderen Seite der Küste war mir schon lang vorgekommen, aber der Rückweg schien mir noch länger.
    »Ich glaube nicht, daß er tot ist«, sagte ich nach endlosem Schweigen. Sachte legte ich eine Hand auf Jamies Arm. Meine Berührung sollte ihm Trost spenden, aber er hätte es wohl nicht einmal bemerkt, wenn ich ihm einen Totschläger über den Schädel gezogen hätte. Mit gesenktem Kopf ging er langsam weiter.
    »Ich auch nicht«, stimmte er zu und schluckte schwer, »sonst hätten sie ihn dortgelassen.«
    »Haben sie ihn wirklich an Bord des Schiffes gebracht?« fragte ich nachdrücklich. »Hast du sie gesehen?« Vielleicht brachte es ihm Erleichterung, darüber zu reden.
    Er nickte. »Aye. Ich habe es genau gesehen. Das läßt hoffen«, murmelte er wie zu sich selbst. »Wenn sie ihm nicht auf der Stelle den Schädel eingehauen haben, besteht vielleicht auch jetzt keine Gefahr.« Als fiele ihm plötzlich wieder ein, daß ich auch noch da war, drehte er sich um und sah mich forschend an.
    »Alles in Ordnung, Sassenach?«
    Ich hatte mir ein paar Schrammen zugezogen, war über und über mit Schmutz bedeckt, und mir zitterten die Knie vor Angst - aber ansonsten war ich unversehrt.
    »Ja.« Wieder legte ich meine Hand auf seinen Arm.
    »Gut«, sagte er nach einer Weile. Er nahm meine Hand, legte sie in seine Armbeuge, und wir setzten unseren Weg fort.

    »Hast du eine Ahnung, wer die Männer waren?« Ich mußte lauter sprechen, um die Brandung zu übertönen, aber ich wollte ihn unbedingt dazu bringen, daß er weiterredete.
    Stirnrunzelnd schüttelte er den Kopf. Die

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