Ferne Ufer
hinab.
Wenig später tauchte er verschwitzt wieder auf. Er trug ein Bündel unter dem Arm: Ians Hemd und Umhang, seine Schuhe und Strümpfe, sein Messer und den kleinen Lederbeutel, in dem der Junge das aufbewahrte, was ihm lieb und teuer war.
»Willst du Jenny die Sachen nach Hause bringen?« fragte ich ihn. Was würde sie denken, sagen und tun, wenn sie die Nachricht erfuhr? Ich konnte es mir nur zu gut vorstellen. Mir wurde flau im Magen, da ich wußte, daß mein Gefühl der Trauer nichts war im Vergleich zu dem Schmerz, den sie empfinden mußte.
Jamies Gesicht war von der Anstrengung des Aufstiegs gerötet. Bei meinen Worten wurde er jedoch aschfahl. Seine Hände schlossen sich fester um das Bündel.
»Aye«, flüsterte er mit Bitterkeit in der Stimme. »Aye, ich soll nach Hause zurückkehren und meiner Schwester sagen, daß mir ihr jüngster Sohn abhanden gekommen ist? Sie wollte nicht, daß er mitgeht, aber ich habe sie dazu überredet und ihr versprochen, daß ich auf ihn aufpassen werde. Und jetzt ist er verwundet oder sogar tot… aber hier sind seine Kleider als Erinnerung an ihn.« Er preßte die Lippen aufeinander und schluckte schwer.
»Da würde ich lieber selber sterben«, meinte er.
Er kniete sich auf den Boden, schüttelte die Kleider aus und faltete sie sorgfältig zusammen. Dann legte er sie auf einen Haufen, wickelte den Umhang behutsam darum, stand auf und stopfte sie in die Satteltasche.
»Ian wird die Sachen brauchen, wenn wir ihn finden«, sagte ich und versuchte, überzeugt zu klingen.
Jamie sah mich an und nickte.
»Aye, bestimmt.«
Es war bereits zu spät, um nach Inverness zu reiten. Die rotleuchtende Sonne, die den dichter werdenden Nebel kaum durchdringen konnte, sank allmählich. Wortlos richteten wir uns ein Lager. In den Satteltaschen war etwas zu essen, aber wir hatten keinen Appetit. Statt dessen wickelte sich jeder von uns in seinen Umhang und in die Decken, bevor wir uns in die Mulden schlafen legten, die Jamie ausgehoben hatte.
Aber ich fand keine Ruhe. Ich spürte den harten, steinigen Boden unter den Hüften und Schultern, und die donnernde Brandung des Meeres war so laut, daß ich auch dann wachgeblieben wäre, wenn ich nicht dauernd an Ian gedacht hätte.
Ob er schwer verletzt war? Sein schlaffer Körper deutete darauf hin. Aber ich hatte kein Blut gesehen. Wahrscheinlich hatte man ihn nur auf den Kopf geschlagen. Wie würde er sich fühlen, wenn er das Bewußtsein wiedererlangte und merkte, daß er entführt worden war und sich mit jeder Minute weiter von zu Hause entfernte?
Wie sollten wir ihn je wiederfinden? Nachdem Jamie Jared erwähnt hatte, hegte ich wieder Hoffnung. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto unwahrscheinlicher erschien es mir, ein Schiff ausfindig machen zu können, das in jedwede Richtung unterwegs sein konnte, mit Kurs auf irgendeinen Hafen der Welt. Würden die Entführer sich die Mühe machen, ihn bei sich zu behalten, oder würden sie nach längerem Überlegen zu dem Schluß kommen, er sei eine gefährliche Last, und ihn über Bord werfen?
Mir war, als hätte ich nicht geschlafen, aber offensichtlich war ich doch eingenickt und hatte wirr geträumt. Zitternd vor Kälte erwachte ich. Ich streckte eine Hand nach Jamie aus. Er war nicht da. Als ich mich aufsetzte, merkte ich, daß er seine Decke über mich gebreitet hatte, während ich schlief. Ein kläglicher Ersatz für seinen warmen Körper.
Er saß in einiger Entfernung auf einem Stein und wandte mir den Rücken zu. Als die Sonne untergegangen war, hatte der Wind wieder aufgefrischt und den Nebel teilweise weggefegt. Der Halbmond spendete soviel Licht, daß ich die zusammengesunkene Gestalt klar erkennen konnte.
Ich erhob mich und ging zu ihm. Um die Kälte abzuwehren, schlang ich den Umhang enger um mich. Meine Schritte knirschten
auf dem bröckeligen Granitgestein. Trotz der donnernden Brandung des Meeres hatte er mich wohl gehört. Er wandte sich nicht um und schien auch nicht erstaunt, als ich mich neben ihn setzte.
Die Ellbogen auf die Knie und das Kinn in die Hände gestützt, blickte er mit großen, leeren Augen auf das dunkle Wasser, das die Bucht umspülte.
»Alles in Ordnung?« wisperte ich. »Es ist verdammt kalt.« Er trug nur seinen Rock, der in den frühen Morgenstunden in der feuchtkalten Luft am Wasser bei weitem nicht genug wärmte. Als ich meine Hand auf seinen Arm legte, spürte ich das Zittern, das seinen Körper schüttelte.
»Aye«, sagte er, ohne
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