Ferne Ufer
überzeugend zu wirken.
Ich schnaubte nur.
»Es ist nicht deine Schuld«, versicherte ich ihm, nachdem wir eine Weile schweigend dem Meer gelauscht hatten.
»Du solltest dich schlafen legen, Sassenach.« Seine Stimme klang normal, ließ aber etwas von seiner Hoffnungslosigkeit erahnen, so daß ich näher an ihn heranrückte. Er wollte mich offensichtlich nicht berühren, aber mittlerweile zitterte ich selbst vor Kälte.
»Ich bleibe.«
Tief seufzend zog er mich schließlich an sich, bis ich auf seinen Knien saß. Er ließ die Arme unter meinen Umhang gleiten und hielt mich fest. Allmählich ließ das Zittern nach.
»Was tust du hier?« fragte ich schließlich.
»Beten«, entgegnete er leise. »Oder zumindest versuche ich es.«
»Ich hätte dich nicht stören sollen.« Ich machte Anstalten, mich zu erheben, aber er ließ mich nicht los.
»Nein, bleib«, bat er. Wir saßen eng aneinandergeschmiegt, und ich spürte seinen warmen Atem an meinem Ohr. Er holte tief Luft, als wolle er etwas sagen, blieb aber stumm. Ich drehte mich um und berührte sein Gesicht.
»Was ist, Jamie?«
»Ist es falsch von mir, mit dir zusammen zu sein?« wisperte er. In seinem bleichen Gesicht wirkten seine Augen wie dunkle Löcher. »Dieser Gedanke läßt mich nicht los. Ist es meine Schuld? Ist es eine so große Sünde, dich mehr als das Leben selber zu brauchen und zu wollen?«
»Tust du das wirklich?« Ich nahm sein Gesicht zwischen die
Hände. Es fühlte sich kalt an. »Und wenn, wie kann das falsch sein? Ich bin doch deine Frau.« Allein als ich das Wort ›Frau‹ aussprach, wurde mir leichter ums Herz.
Seine Lippen suchten meine Handflächen, und seine Hand tastete nach meiner. Seine Finger waren kalt und hart wie Treibholz im Meerwasser.
»Das sage ich mir auch. Gott hat dich mir geschenkt, wie sollte ich dich nicht lieben? Und trotzdem kann ich nicht aufhören, darüber nachzudenken.«
Mit besorgter Miene blickte er auf mich herab.
»Es war richtig, vom Schatz zu nehmen, um die Not der Hungernden zu lindern und die Leute aus dem Gefängnis zu retten. Aber ihn herzunehmen, um mich von meiner Schuld freizukaufen, um mit dir, aller Verpflichtungen ledig, in Lallybroch leben zu können und mir nicht länger Gedanken um Laoghaire machen zu brauchen… das war vielleicht nicht richtig.«
Ich drückte ihn an mich. Er ließ es willig geschehen und legte den Kopf an meine Schulter.
»Schweig«, sagte ich zu ihm, obwohl er gar nichts mehr gesagt hatte. »Jamie, hast du jemals etwas für dich ganz allein getan, ohne dabei an jemand anderen zu denken?«
Seine Hand ruhte auf meinem Rücken und glitt sanft über mein Rückgrat. Selbst seine Atemzüge ließen ahnen, daß er lächelte.
»O ja, unzählige Male«, flüsterte er. »Als ich dich sah und dich genommen habe, ohne zu fragen, ob du mich willst oder nicht, ob du woanders sein möchtest oder ob du jemand anderen liebst.«
»Verdammter Kerl«, flüsterte ich ihm ins Ohr und wiegte ihn. »Du bist ein schrecklicher Dummkopf, Jamie Fraser. Und was ist mit Brianna? War das etwa auch falsch?«
»Nein.« Ich hörte, wie er schluckte und fühlte den Puls an seinem Hals. »Aber jetzt habe ich dich ihr wieder weggenommen. Ich liebe dich, und ich liebe Ian, als wäre er mein Sohn. Und ich denke mir, daß ich euch vielleicht nicht alle beide haben darf.«
»Jamie Fraser«, setzte ich erneut an und versuchte meiner Stimme soviel Überzeugungskraft zu verleihen wie irgend möglich. »Du bist ein furchtbar dummer Kerl.« Ich strich ihm das Haar aus der Stirn, schlang meine Finger um seinen Zopf und zog seinen Kopf nach hinten, damit er mich ansah.
»Du hast mich weder gezwungen, zu dir zu kommen, noch hast du mich Brianna weggenommen. Ich bin hier, weil ich wollte… weil ich nach dir ebensolche Sehnsucht hatte wie du nach mir… und daß ich hier bin, hat nichts mit dem zu tun, was sich gerade ereignet hat. Wir sind verheiratet, verdammt noch mal, vor Gott, vor den Menschen, vor Neptun - vor wem auch immer.«
»Neptun?« fragte er etwas benommen.
»Sei still«, sagte ich. »Wir sind verheiratet, habe ich gesagt, und es ist nichts Verwerfliches daran, daß du mich willst, und kein Gott dieser Welt würde dir deinen Neffen nehmen, nur weil du glücklich sein möchtest. Klar?«
»Außerdem«, fügte ich hinzu und rückte ein wenig von ihm ab, »denke ich nicht daran, wieder zu verschwinden. Also was bleibt dir übrig?«
Seine Brust vibrierte, aber nicht vor Kälte, sondern vor
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