Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen

Ferne Ufer

Titel: Ferne Ufer Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Diana Gabaldon
Vom Netzwerk:
eines Assistenzarztes hatte ich noch im Ohr, und die Erinnerung entlockte mir ein Lächeln. »Sie hat den Magen in 134B mit gekochten Blumen gefüttert!«)
    Dennoch, niemand behandelte eine Wunde mit Schafgarbe und Beinwell, wenn Jod zur Verfügung stand.

    Ich hatte viel vergessen, doch als ich die Namen der Kräuter niederschrieb, erinnerte ich mich wieder an ihr Aussehen und ihren Geruch - das dunkle, pechartige Birkenöl, das einen leichten, angenehmen Duft verströmte, der erfrischend scharfe Geruch der Minzgewächse, das staubig-süße Aroma von Kamille und das adstringierende der Natterwurz.
    Am Tisch mir gegenüber kämpfte Jamie mit den Listen, die er aufstellen mußte. Das Schreiben mit seiner verkrüppelten rechten Hand fiel ihm schwer, und er hielt ab und zu inne, um sich leise fluchend die verheilende Wunde über seinem linken Ellbogen zu reiben.
    »Hast du Limonensaft auf deiner Liste, Sassenach?« Er sah von seiner Arbeit auf.
    »Nein. Sollte ich?«
    Stirnrunzelnd blickte er auf das Blatt, das vor ihm lag, und strich sich die Haare aus dem Gesicht.
    »Kommt drauf an. Für gewöhnlich kümmert sich der Schiffsarzt um den Limonensaft, aber auf einem so kleinen Schiff wie der Artemis gibt es im allgemeinen keinen Schiffsarzt. Für die Lebensmittelvorräte ist eigentlich der Proviantmeister zuständig, aber da wir den auch nicht haben und in der Kürze der Zeit keinen zuverlässigen Mann auftreiben können, werde ich dieses Amt noch zusätzlich übernehmen.«
    »Wenn du Proviantmeister und Frachtaufseher bist, werden mir wohl die Aufgaben des Schiffsarztes zufallen«, meinte ich lächelnd. »Ich besorge den Limonensaft.«
    »Gut.« Jeder kehrte an seine Arbeit zurück, und außer dem Kratzen der Federn war nichts zu vernehmen, bis Josephine, das Hausmädchen, eintrat, um einen Besucher zu melden. Unwillkürlich rümpfte sie ihre lange Nase, um ihre Mißbilligung kundzutun.
    »Er wartet an der Tür. Der Butler hat versucht, ihn wegzuschicken, aber er behauptet, er hätte eine Verabredung mit Ihnen, Monsieur James.« Ihr zweifelnder Tonfall deutete an, daß sie dies zwar für völlig unwahrscheinlich hielt, die Pflicht sie aber anhielt, das unmögliche Ansinnen weiterzuleiten.
    Jamie zog die Brauen hoch. »Ein Besucher? Was für ein Besucher?« Josephine preßte die Lippen aufeinander, als brächte sie es wirklich nicht über sich, das zu sagen. Ich wurde nun neugierig auf
den seltsamen Gast und begab mich unauffällig zum Fenster. Als ich den Kopf hinausstreckte, sah ich aber nicht viel mehr als einen ziemlich staubigen, schwarzen Schlapphut.
    »Er sieht aus wie ein Hausierer und trägt ein Bündel auf dem Rücken«, meldete ich und beugte mich noch weiter vor. Jamie nahm mich um die Taille, zog mich zurück und streckte nun selbst den Kopf hinaus.
    »Ach, es ist der Münzhändler, von dem Jared gesprochen hat!« rief er. »Herein mit ihm!«
    Mit einem vielsagenden Gesichtsausdruck ging Josephine und kam kurze Zeit später mit einem hochgewachsenen, schlacksigen jungen Mann von vielleicht zwanzig Jahren zurück. Sein Rock war vollkommen unmodisch, die weite, schnallenlose Kniehose schlackerte um seine mageren Unterschenkel, die Strümpfe rutschten, und er trug allerbilligste Holzschuhe.
    Den schmuddeligen, schwarzen Hut hatte er höflich abgenommen, und darunter kam ein schmales Gesicht mit intelligenten Augen und einem langen, wenn auch kärglichen braunen Bart zutage. Abgesehen von einigen Seeleuten trug in Le Havre niemand einen Bart, und so hätte es des schwarzen, glänzenden Käppchens nicht bedurft, um zu verraten, daß unser Besucher Jude war.
    Verlegen verbeugte sich der junge Mann erst vor mir, dann vor Jamie und machte sich dabei an den Riemen seines Bündels zu schaffen.
    »Madame«, sagte er mit einem Nicken. »Monsieur. Es ist überaus freundlich von Ihnen, mich zu empfangen.« Er sprach französisch mit einem schwer verständlichen Singsangtonfall.
    Ich verstand zwar Josephines Vorbehalte gegen das äußere Erscheinungsbild unseres Besuchers, aber er hatte so große, arglose blaue Augen, daß ich ihn anlächelte.
    »Wir sind Ihnen zu Dank verpflichtet«, erwiderte Jamie. »Ich hatte nicht erwartet, daß Sie so bald kommen. Mein Cousin sagt, Ihr Name ist Meyer?«
    Der Münzhändler nickte, und unter seinem schütteren Bart leuchtete ein scheues Lächeln auf.
    »Ja, Meyer. Es macht keine Umstände, ich war bereits in der Stadt.«
    »Aber Sie kommen aus Frankfurt, nicht wahr? Eine weite
Reise«,

Weitere Kostenlose Bücher