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Ferne Ufer

Titel: Ferne Ufer Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Diana Gabaldon
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gibt.«
    Jamie nickte. »Ich bin ganz sicher - ich habe sie genau betrachtet und sogar in der Hand gehalten.«
    »Der Doppelkopf zeigt Alexander«, erklärte Meyer und berührte die Münze ehrfürchtig. »Wahrhaftig äußerst selten. Es ist eine Tetradrachme, die zum Andenken an die Schlacht bei Amphipolos und die Gründung einer Stadt auf dem Schlachtfeld geprägt wurde.«
    Jamie lauschte aufmerksam; ein Lächeln umspielte seinen Mund. Er hatte zwar selbst kein großes Interesse an antiken Münzen, zeigte aber stets Achtung für Menschen mit einer besonderen Leidenschaft.
    Nach einer weiteren Viertelstunde und einem Blick in den Katalog war die Sache geklärt. Vier griechische Drachmen von einer Sorte, die Jamie wiedererkannt, mehrere kleine Gold- und Silbermünzen und ein sogenannter Quintinarius, eine römische Münze aus schwerem Gold, wurden der Sammlung hinzugefügt.
    Meyer bückte sich, griff in sein Bündel und holte einige aufgerollte, mit einem Band verschnürte Papiere hervor. Bedächtig blätterte er die Seiten durch, hielt hie und da inne, murmelte: »Hm« und suchte dann weiter. Schließlich legte er die Seiten auf seine Knie, legte den Kopf schief und sah zu Jamie auf.
    »Unsere Transaktionen werden selbstverständlich vertraulich durchgeführt, Monsieur«, sagte er, »und so kann ich Ihnen zwar sagen, daß wir gewiß diese oder jene Münze in diesem oder jenem Jahr verkauft haben, aber den Namen des Käufers darf ich Ihnen nicht nennen.« Er hielt nachdenklich inne und fuhr dann fort.
    »Wir haben tatsächlich im Jahr 1745 Münzen, wie Sie sie schildern, verkauft - drei Drachmen, je zwei mit den Köpfen von Egalabalus und dem Doppelkopf des Alexander, und nicht weniger als sechs römische Goldmünzen.« Er zögerte.
    »In der Regel dürfte ich Ihnen nicht mehr verraten. Jedoch… in diesem Fall, Monsieur, weiß ich zufällig, daß der ursprüngliche Käufer dieser Münzen tot ist - und zwar schon seit einigen Jahren. Unter diesen Umständen…« Er zuckte die Achseln und traf eine Entscheidung.

    »Der Käufer war Engländer, Monsieur. Sein Name war Clarence Marylebone, Herzog von Sandringham.«
    »Sandringham!« rief ich verblüfft.
    Neugierig sah Meyer erst mich, dann Jamie an, dessen Gesicht jedoch nichts als höfliches Interesse bekundete.
    »Ja, Madame«, sagte Meyer. »Ich weiß, daß der Herzog tot ist, denn er besaß eine umfangreiche Sammlung antiker Münzen, die mein Onkel 1746 von seinen Erben erwarb - die Transaktion ist hier erwähnt.« Er hob den Katalog hoch und ließ ihn wieder sinken.
    Daß der Herzog von Sandringham tot war, wußte ich selbst, und mein Wissen war sehr viel unmittelbarer. Jamies Patenonkel Murtagh hatte ihn in einer dunklen Märznacht des Jahres 1746 getötet, kurz bevor die Schlacht von Culloden dem Aufstand der Jakobiten ein Ende setzte.
    Meyer sah bald mich, bald Jamie an, dann fügte er zögernd hinzu: »Ich kann Ihnen noch etwas verraten: Als mein Onkel die Sammlung des Herzogs nach dessen Tod erwarb, befanden sich keine Tetradrachmen darunter.«
    »Nein«, murmelte Jamie. »Das wäre schlecht möglich gewesen.« Dann faßte er sich wieder, stand auf und griff nach der Karaffe, die auf der Anrichte stand.
    »Ich danke Ihnen, Meyer«, sagte er förmlich. »Und nun wollen wir auf Sie und Ihr kleines Buch trinken.«
    Wenige Minuten später kniete Meyer auf dem Boden und verschnürte sein schäbiges Bündel. Die kleine Börse mit Silberlivres, die Jamie ihm als Bezahlung überreichte, steckte er in seine Tasche. Er stand auf und verbeugte sich vor Jamie und vor mir und setzte schließlich seinen unansehnlichen Hut auf.
    »Leben Sie wohl, Madame«, sagte er.
    »Leben Sie wohl, Meyer«, erwiderte ich. Nach kurzem Zögern stellte ich ihm noch eine Frage: »Ist Meyer wirklich Ihr einziger Name?«
    In seinen großen, blauen Augen flackerte etwas, aber er antwortete höflich, während er sich den schweren Sack auf die Schultern lud: »Ja, Madame. Den Juden in Frankfurt ist es nicht gestattet, Familiennamen zu führen.« Er blickte auf und lächelte schief. »Doch aus Bequemlichkeit rufen uns die Nachbarn nach dem
alten, roten Schild an unserem Haus. Aber darüber hinaus… nein, Madame. Wir haben keinen Namen.«
    Dann kam Josephine, um unseren Besucher in die Küche zu führen. Ein paar Minuten später hörte ich, wie die Haustür zufiel und Meyers Holzschuhe über die Steinstufen klapperten. Auch Jamie hörte es und wandte sich zum Fenster.
    »Glückliche Reise, Meyer

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