Feuereifer
einer fernen Stelle, die erst später wehtun würde -vorerst musste ich mich auf Freddy konzentrieren. Sandra ließ nicht von mir ab, und ich hatte keinen Platz mehr, um mich zwischen sie und Freddy zu stellen. Als sie sich an mir vorbeidrängte, packte er sie und hielt ihre Arme fest. Ihre Kraft verpuffte schlagartig, und sie sackte gegen ihn. Plötzlich hielt er ein Messer in der rechten Hand und drückte es an ihre Kehle.
»Verschwinde hier, Schlampe, sonst mach ich diese Frau kalt!«, schrie er. Wenn ich schoss, hatte ich gute Chancen, Sandra zu treffen. Ich wich zurück in die Küche. April stand dort, mit aschgrauem Gesicht. Sie hatte Mühe zu atmen. »Schätzchen, wir beide gehen jetzt nach draußen. Und du atmest schön tief durch. Komm schon.« Ich sprach mit meiner strengen Trainerstimme. »Atme ein. Zähl bis vier. Jetzt atme ganz, ganz langsam aus. Ich zähle laut, und du atmest jedes Mal ein bisschen aus.«
»Aber, Ma, wird er... «
»April, fang an zu atmen. Er wird ihr nichts tun, und außerdem kommt gleich die Polizei.«
Ich brachte April zu meinem Wagen, legte den Beifahrersitz um, damit sie weniger Druck auf der Lunge hatte. Dann schaltete ich die Elektrik ein und stellte die Heizung auf volle Kraft.
»Wenn ich draußen bin, verschließt du die Türen. Du öffnest absolut niemandem. Ich gehe nach hinten und versuche, deiner Mam zu helfen, okay?«
Ihre Lippen zitterten, und sie rang um Atem, aber sie nickte.
»Und konzentriere dich aufs Atmen. Das ist das Wichtigste, was du jetzt tun kannst.
Atme ein, zähle bis vier, dann atme aus auf vier. Kapiert?«
»J-ja, Coach«, flüsterte sie.
Ich schaute auf die Uhr; vor zehn Minuten hatte Sandra die Polizei angerufen. Auf dem Weg zurück ins Haus wählte ich noch mal mit dem Handy, dessen Nummer nicht automatisch auf dem Bildschirm in der Zentrale erschien. Ich gab die Adresse durch und sagte, wir hätten vor zehn Minuten schon mal angerufen. Die Telefonistin verbrachte quälend lange Minuten damit, Sandras Anruf zu suchen. Als sie ihn schließlich gefunden hatte, sagte sie, ein Wagen sei unterwegs.
»Und wann kommt der?«, erwiderte ich. »Jetzt oder mit dem Messias? Ich hab hier ein Mädchen, das demnächst einen Herzstillstand kriegt. Schicken Sie sofort einen Krankenwagen!«
»Sie haben nicht den einzigen Notfall in der Stadt, Ma'am.«
»Hören Sie, wir sind beide im Bilde über die Geschichte der South Side. Ich hab hier einen Einbruch, den Einbrecher und ein schwerkrankes Mädchen. Tun Sie so, als seien wir in Lincoln Park und schicken Sie SOFORT einen Wagen!« Die Telefonistin versetzte gekränkt, jeder Notfall werde gleich behandelt, und sie könne mir keinen Krankenwagen zaubern.
»Ich könnte vermutlich einen bauen, so lange warten wir schon. Wenn dieses Mädchen stirbt, sorge ich dafür, dass das in die Schlagzeilen kommt und dass man die Aufzeichnung von diesem Gespräch im ganzen Land hören kann. Ihre Kinder und Enkel werden sie auswendig können.« Ich klappte das Handy zu und rannte ums Haus herum.
Durch das zerbrochene Fenster an Brons Werkstatt fiel Licht, aber die Küchentür war mit solcher Wucht zugeschlagen worden, dass sie jetzt schief in den Angeln hing. Mit der Pistole in der Hand griff ich nach dem Deckel einer Mülltonne, den ich als Schild benutzen konnte. An der Tür ging ich in die Hocke und stieß die Tür mit dem Deckel auf. Kein Laut. Noch immer in der Hocke, watschelte ich in die Küche, Karikatur eines Cops. Dann rutschte ich auf Metallkugeln aus, die Freddy verstreut hatte, und fiel auf die Knie. Worauf ich aus dem Zimmer nebenan einen erstickten Laut hörte. Ich richtete mich auf und sprintete ins Esszimmer. Sandra war weder hier noch im Wohnzimmer. Ich schaute ins Schlafzimmer und sah, dass die Kommode umgeworfen war und die Schranktür blockierte. Ich schob die Kommode aus dem Weg und öffnete den Schrank. Sandra lag eingerollt auf dem Boden und wimmerte. Ich kniete mich neben sie. »Bist du verletzt, Sandra? Hat er dich geschnitten?« Sie sagte nichts, sondern wimmerte nur vor sich hin wie ein verwundeter Hund. Ich tastete ihren Hals ab, fand aber kein Blut, und auch neben ihr waren nirgendwo Blutspuren. Freddy hatte das Bettzeug aus dem Schrank auf den Boden geworfen; ich nahm eine der Decken und hüllte Sandra damit ein.
In den wenigen Minuten, in denen ich mit April draußen war, hatte Freddy das Haus so gründlich verwüstet wie die Heuschrecken Ägypten. Er hatte sämtliche Schubladen aus der
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