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Feuerkind

Feuerkind

Titel: Feuerkind Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Stephen King
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war ausgesucht vulgär. Unterhalb der Knie war seine Uniform kaum noch vorhanden, und er trug zwei tropfnasse, schwarze Gegenstände in der Hand, die einmal Schuhe gewesen sein mochten. Dann verschwanden die Männer im Büro und ließen die Tür hinter sich zuschlagen. Aufgeregtes Raunen entstand in der Halle.
    Andy setzte sich wieder und legte seinen Arm um Charlie. Das Denken fiel ihm jetzt schwer; seine Gedanken waren wie winzige silbrige Fische, die in einem großen schwarzen Meer pochender Schmerzen umherschwammen. Aber er mußte tun, was er nur irgend konnte. Er brauchte Charlie, wenn sie aus ihrer jetzigen Lage herauskommen wollten.
    »Ihm ist nichts passiert, Charlie. Es ist alles in Ordnung. Sie haben ihn nur ins Sicherheitsbüro gebracht. Und nun erzähl. Was ist geschehen?«
    Unter Tränen, die langsam versiegten, berichtete Charlie. Daß sie den Mann am Telefon hatte sprechen hören. Daß sie sich ein paar beiläufige Gedanken über ihn gemacht und geglaubt hatte, er belüge das Mädchen, mit dem er gesprochen hatte. »Und dann, als ich zu dir zurückkam, sah ich ihn … und bevor ich es aufhalten konnte … passierte es eben. Ich konnte es nicht ändern. Ich hätte ihn verletzten können, Daddy. Ich hätte ihn schwer verletzen können. Ich habe ihn in Brand gesteckt!«
    »Sprich nicht so laut«, sagte er. »Ich will, daß du mir zuhörst, Charlie. Ich finde, dies ist das Schönste, was seit einiger Zeit passiert ist.«
    »W-wirklich?« Sie sah ihn ungläubig und überrascht an.
    »Du sagst, du konntest es nicht aufhalten«, sagte Andy, und jedes Wort kostete ihn Anstrengung. »Und so war es auch. Aber nicht wie sonst. Diesmal war es nur ein kleines bißchen. Es war zwar gefährlich, Honey, aber … du hättest ihm ja auch die Haare in Brand setzen können. Oder das Gesicht.«
    Der Gedanke ließ sie entsetzt zusammenzucken. Behutsam drehte Andy ihr Gesicht, so daß sie ihn wieder ansah.
    »Du tust es unbewußt, und es trifft immer jemanden, den du nicht magst«, sagte er. »Aber … du hast ihn nicht wirklich verletzt, Charlie. Du …«Er wußte nicht mehr, was er sagen wollte, und nur die Schmerzen blieben. Redete er immer noch? Einen Augenblick wußte er nicht einmal das.
    Charlie merkte, daß dieses Böse immer noch in ihrem Kopf herumraste und herauswollte, um etwas anderes zu tun. Es war wie ein kleines, bösartiges und ziemlich dummes Tier. Man mußte es aus seinem Käfig lassen, damit es etwas unternehmen konnte – wie Geld aus den Telefonapparaten holen. Aber es könnte auch etwas anderes, etwas wirklich Schlimmes tun,
    (wie bei Mami in der Küche, oh, Mami, es tut mir so leid)
    bevor man es wieder einfangen konnte. Aber das war jetzt nicht wichtig. Sie wollte nicht daran denken. Sie wollte jetzt
    (die Verbände, meine Mami muß Verbände tragen, weil ich ihr weh getan habe)
    an nichts dergleichen denken. Jetzt ging es um ihren Vater. Er war in seinem TV-Sessel nach vorn gesunken und stampfte vor Schmerzen mit den Füßen. Er war kalkweiß, und seine Augen waren blutunterlaufen.
    Oh, Daddy, dachte sie, wenn ich könnte, würde ich mit dir tauschen. Du hast etwas, das dir weh tut, aber es kommt nie aus seinem Käfig heraus. Ich habe etwas Großes, das mir überhaupt nicht weh tut, aber ich bekomme manchmal solche Angst-
    »Ich habe das Geld«, sagte sie. »Ich bin nicht zu allen Telefonen gegangen. Die Tüte wurde so schwer, und ich hatte Angst, daß sie reißt.« Sie sah ihn besorgt an. »Wohin können wir gehen, Daddy? Du mußt dich hinlegen.«
    Andy griff in die Tüte und begann langsam eine Handvoll Kleingeld nach der anderen in die Tasche seiner Kordjacke zu stecken. Er fragte sich, ob diese Nacht je enden würde. Nichts hätte er lieber getan, als noch ein Taxi zu nehmen, in die Stadt zu fahren und im nächstbesten Hotel oder Motel abzusteigen … aber er hatte Angst. Ein Taxi war leicht zu verfolgen, und er hatte das bestimmte Gefühl, daß die Männer im grünen Wagen ihnen hart auf den Fersen waren.
    Er versuchte, sich ins Gedächtnis zurückzurufen, was er über den Flughafen von Albany wußte. Erstens lag er überhaupt nicht in Albany, sondern in der Kleinstadt Colnie. Hier war das Land der Shaker – hatte sein Großvater ihm nicht einmal erzählt, daß dies das Land der Shaker war? Oder war die Sekte inzwischen ausgestorben? Wie stand es mit Landstraßen? Gab es Schlagbäume? Die Antwort kam langsam. Es gab eine Straße … eine Art Durchgangsstraße. Nordroute oder Südroute, dachte

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