Fitz der Weitseher 03 - Der Nachtmagier
siegessicher in die Enge drängte. Sie humpelte bereits, und während sie sich bemühte, den Knüppel des Mannes abzuwehren, eilte Melisma ihrer Schwester zu Hilfe und drosch mit ihrem leichten Stab auf seinen Rücken ein. Er zog daraufhin nur kurz die Schultern hoch, ohne sich jedoch von der sicheren Beute ablenken zu lassen. Dadurch wurde in mir etwas geweckt. »Melisma, seine Beine! Bring ihn zu Fall!«, rief ich ihr verzweifelt zu, doch gleich kam mir wieder meine eigene Bedrängnis zu Bewusstsein, als eine Keule meine Schulter streifte. Ich parierte den Schlag mit ein paar raschen Hieben und sprang schnell zurück.
Dann schnitt ein Schwert über meine Schulter und hinab zu meinen Rippen.
Völlig verblüfft schrie ich auf und hätte beinahe den Stab fallen lassen, bis ich bemerkte, dass nicht ich es war, der diese Verletzung davongetragen hatte. Ich fühlte und hörte Nachtauges überraschten Schmerzensschrei. Und dann einen Stiefeltritt gegen den Kopf.
Er war wie betäubt und in die Enge getrieben. Hilf mir!
Die Angst um Nachtauge verdrängte die Angst um mein eigenes Leben. - Plötzlich fiel meine Angst von mir ab und ich ging zum Angriff über. Ich verlagerte meinen Schwerpunkt auf das hintere Bein, rückte Stück für Stück vor und nahm sogar einen Schlag gegen die linke Schulter hin, um nahe genug an meinen Gegner heranzukommen. Für einen Augenblick war meine Hand wie taub, doch ich musste darauf vertrauen, dass sie weiter ihren Dienst tat. Mit dem Ende meines Stabes versetzte ich dem Entfremdeten einen harten Schlag unters Kinn. Nichts hatte ihn auf diese plötzliche Änderung meiner Taktik vorbereitet. Sein Kopf flog nach hinten, und ich rammte ihm den Stab zwischen Hals und Schlüsselbein. Knochen knirschten. Er hustete keuchend Blut, während ich zurücktänzelte und ihm das lange Ende des Stabes gegen die Schläfe schmetterte. Daraufhin stürzte er, worauf ich herumwirbelte, über den Graben neben der Straße sprang und mir durch das Unterholz einen Weg in den Wald bahnte.
Lautes Geknurre und ein angestrengtes Keuchen führten mich zum Ort des Geschehens. Für Nachtauge sah es schlecht aus. Er hielt die linke Vorderpfote an die Brust gezogen, das Fell an seiner linken Schulter war blutverklebt, und entlang seiner linken Flanke hingen in den Stichelhaaren rote Blutstropfen, die schimmerten wie Rubine. Er hatte sich nach hinten in ein Brombeerdickicht zurückgezogen. Die spitzen Dornen und tückischen Ranken, zwischen denen er Zuflucht gesucht hatte, umgaben ihn jetzt von allen Seiten und hinderten ihn an einer weiteren Flucht. Er hatte sich so tief hineingearbeitet wie möglich, um sich vor den Schwertschlägen zu schützen, und ich spürte, wie ihn seine zerstochenen Pfoten schmerzten. Aber die Dornen hielten auch seinen Angreifer auf Distanz, und die biegsamen Zweige fingen die meisten der Hiebe ab, die den Wolf treffen sollten.
Als er mich sah, fasste Nachtauge neuen Mut und fuhr knurrend und mit weit aufgerissenem Maul aus dem Dickicht hervor. Der Entfremdete zog das Schwert zum Stoß zurück, um den Wolf im Ansprung zu durchbohren. Mein Stab besaß keine Spitze, aber mit einem stummen Aufschrei maßloser Wut rammte ich ihn mit solcher Gewalt in den Rücken des Mannes, dass er ihm zwischen den Rippen hindurch wie ein Spieß in die Lunge drang. Brüllend erbrach der Entfremdete einen Schwall aus Raserei und Blut. Er wollte sich umdrehen, sich dem neuen Gegner zuwenden, aber ich stemmte mich gegen den Stab und drängte den Tobenden in das Brombeergestrüpp. Seine ausgestreckten Hände fanden keinen Halt und nichts als dornige Ranken. Trotzdem wehrte er sich nach Kräften, ich hielt ihn jedoch mit meinem ganzen Gewicht nieder und Nachtauge vergaß seine Schmerzen und sprang ihm auf den Rücken. Er schlug die Zähne in den Stiernacken des Mannes und riss und zerrte daran, dass es nur so vor Blut spritzte. Worauf die röchelnden Klagelaute des Entfremdeten dann nach und nach zu einem schaumigen Gurgeln erstarben.
Die fahrende Musikantentruppe hatte ich inzwischen vollkommen vergessen, bis ein Aufschrei größter Not aus einer weiblichen Kehle mich an sie erinnerte. Während Nachtauge sich erschöpft fallen ließ und seine Schulter leckte, bückte ich mich nach dem Schwert, das der Entfremdete verloren hatte und lief zur Straße zurück. Als ich aus dem Wald hervorkam, bot sich mir ein erschreckender Anblick. Der Entfremdete hatte sich auf die wild um sich schlagende Imme geworfen und war
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