Flammen der Rache
die Körperwärme seiner Mutter war, die er an dem goldenen Anhänger spüren konnte. Das letzte Überbleibsel davon. Auch wenn der ganze Rest von ihr in kalter Erde begraben lag.
Dann waren Rudy und seine Gorillas an jenem Morgen vor achtzehn Jahren im Diner aufgetaucht. Rudy hatte die Kette wiedererkannt und sie ihm vom Hals gerissen.
Und das war es dann gewesen. Die Kette war weg, die Wärme zu Kälte erstarrt.
»Hast du schon mein hübsches Medaillon gesehen?« Rachel hob ihre dunklen Locken an und drehte sich stolz vor ihrem Vater im Kreis, damit er sie bewundern konnte. Val streckte ihr die Arme entgegen, und sie krabbelte auf seinen Schoß, um sich ein paar Küsse abzuholen.
Es war wie ein Trommelwirbel am Rand seines Bewusstseins, immer heftiger und dringlicher bedrängte ihn ein Gefühl der Beklommenheit. Es gab da etwas, das er tun, sehen und begreifen sollte, aber was war es nur? Die Lautstärke der Trommeln schwoll an, bis Bruno nichts anderes mehr hörte. Diffuse Gefühle hämmerten an die Tür seines Gehirns und verlangten, in bewusste Gedanken übersetzt zu werden.
Er versuchte, sich zu entspannen, sich ihnen zu öffnen und sie zu fassen zu bekommen. Er rekapitulierte alles, was er gesehen, gedacht und erinnert hatte. Magda. Rachels Kette. Magdas Kette, noch warm von ihrem Körper. Rachels zarter Hals. Er war wie der Stängel einer prächtig blühenden Blume. So schön, dass einem das Herz brechen wollte.
Hast du schon mein hübsches Medaillon gesehen
?
Mit geschlossenen Augen versuchte er es von Neuem. Er folgte den flüchtigen Pfaden der Emotionen und Gedanken, während das Trommeln immer noch lauter und verzweifelter wurde. Der Duft von Magdas Parfüm, der sich mit dem Geruch ihres Angstschweißes vermischte. Ihre eisigen, zitternden Hände, die im Dunklen an der Schließe nestelten. Sie hatte ihn in den Nacken geküsst.
Geh schon, du musst dich beeilen
.
»Tante Rosa«, sagte er. »Erinnerst du dich an Mamas Kette?«
Rosa, die gerade Cupcakes auf einem Tablett glasierte, wandte sich zu ihm um. »Natürlich. Die Kette, die Rudy dir weggenommen hat. Sie hat deiner Urgroßmutter gehört. In der alten Heimat. Es war ein Brautgeschenk von deinem
bisnonno
an deine
bisnonna
.«
»Es war ein Medaillon daran, oder? Es ließ sich öffnen.«
»Ja. Magda hat ein Foto von dir reingetan. Das gleiche, das ich in meiner Brieftasche habe. Und noch eine Babylocke von dir, weißt du nicht mehr?«
Bruno schüttelte den Kopf. »Ich habe damals überhaupt nicht gewusst, dass man es öffnen kann. Ich bekam es nie auf. Vielleicht war es verschweißt.«
Mit einer Sorgenfalte auf der Stirn berührte Lily sein Handgelenk. Sie spürte seine innere Unruhe. Es machte sie nervös. »Was ist denn?«
Er drückte ihre Hand. »Schildere mir noch mal, was genau dein Vater bei deinem letzten Besuch in der Klinik gesagt hat.«
Lily seufzte. »Bruno, bitte. Ich habe es schon tausendmal wiederholt. Er sagte, dass du etwas einschließen müsstest, aber er erwähnte nicht, was, und ich habe keine Ahnung …«
»Nein«, unterbrach er sie. »Wiederhole einfach, was er tatsächlich gesagt hat. Wort für Wort. Ohne Interpretationen. Zitiere ihn wortwörtlich. Bitte, Lily.«
Und plötzlich vernahm auch sie die lauten Trommeln.
Ihr Gesicht wurde blass. Sie schluckte schwer und wandte blinzelnd den Blick ab, dann kniff sie hochkonzentriert die Augen zusammen. »Er sagte: ›Er muss es wegsperren. Ihr Sohn wird Bescheid wissen, wenn er es öffnet.‹«
»Er meinte das Medaillon«, erklärte Bruno sanft.
Ihre Augen wurden groß. Sie presste die Hand vor den Mund. »Oh Gott, Bruno. Magda hatte ein Medaillon? Und sie hat es dir gegeben?«
Er nickte.
»Und wo ist es jetzt?«, stieß sie hervor. »Hast du es noch?«
Er schüttelte den Kopf. »Es ist weg.«
Lily schaute sich fieberhaft um, als erwartete sie, das Medaillon irgendwo in der Küche herumliegen zu sehen. »Was meinst du mit ›weg‹? Hast du es verloren? Wurde es gestohlen?«
»Gewissermaßen beides.«
Rosa übernahm für ihn. »Dieser verkommene
figlio di puttana
Rudy, er hat es genommen«, erklärte sie Lily. »An dem Tag, als sie ins Diner kamen und Bruno angegriffen haben. Drei riesige Kerle gegen einen zwölfjährigen Jungen, der gerade seine Mutter verloren hatte.
Teste di cazzo
.«
Lily schaute ihn mit großen Augen an. »Großer Gott. Wie hast du …?«
»Es war Kev«, antwortete Bruno. »Kev hat sie alle drei fertiggemacht. In etwa dreißig Sekunden.
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