Für ein Lied und hundert Lieder
Briefen nur noch um das Kind, sie legte einen dicken Packen Fotos bei, man konnte das Gefühl haben, der Knast, das war nur eine Außenstelle der Familie, und meine Antworten waren ausnahmslos im Opferton geschrieben, als handele es sich dabei um eine historische oder literarische Arbeit. Nach den ungeschriebenen Gefängnisgesetzen durfte jeder Gefangene nur einen Brief pro Monat schreiben, wenn einer der zuständigen Regierungen ein weiches Herz hatte, ließ er dich einen Bogen Briefpapier eng vollkritzeln – und unser väterlicher Beamter und böser Stern, der Sanfte Liu, gab unserer Zelle mit achtzehn Mann nur einen Kugelschreiber, mit der Vorwarnung, er werde ihn in zwei Stunden wieder einsammeln. Das Briefpapier, das er uns gab, war ein handtellergroßes »Benachrichtigungsblatt über benötigte Dinge für die Angehörigen der Gefangenen«.
Man erzählte sich, vor einigen Jahren noch hätten die Gefangenen nicht nach Hause schreiben dürfen, es war ihnen nur erlaubt, auf diesem Formular die »benötigten Dinge« einzutragen – dass die Gefangenen schreiben durften war ein sichtbares Zeichen für die Beachtung, die die Regierung nach dem Beginn der Öffnungspolitik den Menschenrechten schenkte.
Im Allgemeinen schrieben die Gefangenen hundert Zeichen, und der Zettel war voll, ich schaffte es, so eng zu schreiben, dass ich etwa fünfhundert Zeichen unterbrachte, da passte kein Windhauch mehr dazwischen; wenn es mehr wurden, war der Brief wertlos.
Wenn ich den Stift bekam, fing ich wie wahnsinnig an zu schreiben, in folgender Reihenfolge: Wang Er, der alte Bai, das Große Baby, der Große Drache, die frisch zum Tode verurteilte Ma Yun – ich musste innerhalb einer Stunde sieben Briefe für andere auf das Papier werfen, erst danach hatte ich ausreichend Zeit, meinen eigenen zu schreiben. Nur einmal im Monat konnte ich für ein paar Minuten meinem Hang zum Künstlertum frönen und mir einbilden, ich hätte so etwas wie Würde.
Die meisten Felldiebe machten mürrische Gesichter, sie mussten mit ansehen, dass sie diesen Neujahrsbrief, den sie so lange ersehnt hatten, nicht würden schreiben können, ihnen blieb nur, mich anzuflehen, für sie die »benötigten Dinge« einzutragen. Wan Li hatte Angst vor der Kälte und wollte zwei wattierte Jacken, eine wattierte Hose und dreißig Kuai – aber am ersten »Besuchstag« nach Neujahr bekam er nur zehn Kuai und ein Paar Nylonsocken. Der Meute fiel das Gebiss raus vor Lachen, der alte Bai, unser Außenminister, hielt eine literarisch angehauchte Schmährede: »Tiefer Winter, Nebel hüllen Berg und Stadt, eine weißhaarige Alte auf dem Weg zum Gefängnis, sie bettelt am Wegrand, hält in der Hand eine alte Henne, das Einzige, was etwas wert ist bei ihr zu Hause, und jetzt ruhen die zehn Kuai und das Paar Nylonsocken, die sie gegen die zwanzig Jahre lang ihren Dienst absolviert habende Legehenne eingetauscht hat, am Busen ihres epileptischen Sohnes wie ein Stahlgewehr. Sie hingegen geht noch immer vor der hohen Mauer auf und ab, sie, die Mutter eines Mörders, sie friert, sie hat Hunger und kein Geld für den Bus. Zurück in ihr Dorf sind es über fünfzig Meilen, unsere gute Alte muss sich auf die gebundenen Füße machen, bei jedem Schritt dreht sie sich um. Überall Nebel, ach, weißt du, was aus ihr wurde? Ist sie verhungert? Vor Erschöpfung gestorben? Oder hat sie in finsterer Nacht ein Räuber zu Tode erschreckt? Und wenn sie nicht gestorben ist, wird sie unbeirrt wieder aus einem Hühnerhintern zehn Kuai ziehen für ein paar Nylonsocken für ihren Epileptiker, der ihr keine Ehre macht?«
Wan Li war in Tränen aufgelöst.
Am 29. des letzten Monats nach dem Mondkalender wurde im Knast wieder eine Rundfunkversammlung veranstaltet, und nach den genauso langen wie verstunkenen Belehrungen der Bürokraten wurde schließlich bekanntgegeben, was die Leute am meisten bewegte: die Speisekarte für Neujahr. Vom 29. bis zum 4. des neuen Jahres gab es Fleisch und Fisch, umsonst. Am Silvesterabend gab es acht Gänge, einschließlich Huhn und Fisch, wir freuten uns so, dass uns die Speichelfäden aus dem Mund hingen.
Zur allgemeinen Überraschung fuhr auch unser Zellenchef Wang Er eine neue Attacke, er nannte das »die Eunuchen packen und verteilen«: Sämtliche Gerichte wurden auf kleine Papierschnipsel geschrieben, die Eunuchen, die man dann auf gut Glück griff. Ich erwischte zweimal gebratenes Schweinefleisch, Wang Er und der alte Bai süßes Fleisch, dann tauschten
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