Galileis Freundin (German Edition)
Fußgang zum Dom nicht zu nahe kommen und die neue Großherzogin dennoch gebührend betrachten konnte, hatte sich der Architekt Gherardo Silvani etwas Gutes einfallen lassen. Die Portale der prächtigen Kirchen, San Giovanni und Santa M a ria del Fiore, verband eine fantastische, drei Ellen hohe, Brücke. Zu beiden Seiten nahmen auf niedrigen Tribünen die hoch angesehenen Familien Platz. Das neugierige Volk durfte mit Muße und ehrfürchtigem Abstand die junge Braut betrachten.
Als Vittoria della Rovere am Arm des Prinzen Giancarlo de’Medici die neun, vierzehn Ellen breiten, schneeweißen Marmorstufen zur Brücke bestieg, ließ der leidenschaftliche Jubel des Volkes von Florenz die junge, fünfzehnjährige Braut, über die Stufen hinwegschweben. Die enthusiastische Erregung der Männer und Frauen, der Kinder und selbst der Alten versetzte die junge Fürstin in ein Traumgebilde von Lebenslust und überschwänglicher Zuneigung. Ihr Schritt stockte für einen kurzen Augenblick, sie verneigte sich nach rechts und links in das Volk, bevor sie ihren traumwandlerischen Gang zur Kirche wieder aufnahm. Der schwärmer i sche Jubel der Menschen erstarb für einen Atemzug. Die Menschen erkannten das besondere an dieser Geste.
Die Loggia der Brücke ruhte auf gesinterten weißen Marmorsäulen im dorischen Stil, mit bronzenen Kapitellen. Den römischen Bogen zwischen zwei Säulen trug en Architraven aus weißem Carrara Marmor. Darauf lagen orientalische Friese aus grünem Marmor, die aus Prato kamen. Auf deren Gesimse prangten eingravierte Reliefs in weißem Marmor. Die Arkaden wurden verdeckt von tiefblauen Überhängen aus Samt. Mit Kupfer gefärbte, falsche Balken mit goldenen Rosetten zierten den blauen Stoff.
Das Kunstwerk gewann mit der schwebenden Braut in weißem Hochzeitskleid seinen wahren Sinn. Wie eine Allegorie auf das glückliche Lebensziel in einer vollkommenen Ehe versinnbil d lichte Caterina Picchena das glanzvolle Bauwerk mit der Bewegung der jungen Herzogin. Ein Sinnbild für das Eintauchen in eine glückliche Zeit. An der Seite des mächtigsten Mannes der Toskana, unter den Fittichen einer der reichsten Familien, in den Mauern des prächtigen Pala z zo Pitti, müsste diese junge Frau ein glückliches Dasein genießen können.
Caterina wusste , es würde anders kommen. Sie kannte Vittoria della Rovere seit längerer Zeit. Die Herzogin wurde seit ihrem fünften Lebensjahr von ihrer Großmutter, der herrsc h süchtigen und bigotten Großherzoging der Toskana, Christina di Lorena, erzogen. Die adlige Herzogin, aus der Herrscherfamilie della Rovere von Urbino, fünf Tagesreisen von Florenz nach Osten , musste nach einer traurigen Kindheit die Erziehung ausgerechnet dieser Her r scherin über sich ergehen lassen. Der Vater der kleinen Vittoria, ein Hallodri, hatte sich am urbinischen Hof einen Teufel um das Wohl seiner Gattin geschert. Er starb auch bald, als er kaum achtzehn geworden war. Die Mutter, Claudia de’Medici, des Großherzogs Tante, verließ bald darauf das Renaissanceschloss in Urbino und kehrte in den Schoß ihrer Mutter zurück. Das fünfzehn Monate alte Mädchen dagegen blieb bei seinem Großvater. Bis, es kam der Gräfin Picchena so bekannt vor, die Familien handelseinig wurden und die kleine Prinzessin mit dem Großprinz verlobten. Nach kurzer Zeit wurde die künftige Großherzogin der Toskana bei den Nonnen im Kloster Crocetto in Florenz mit geistiger Borniertheit, Engstirnigkeit und Neid e r zogen. Nach einer Verweildauer von vier Jahren im Kloster wurde das arme Geschöpf dem männlichsten Herrscher am Hofe, Christine von Lothringen, ausgeliefert. Ohne menschliche Wärme, aber mit bigotter Gläubigkeit, Sucht nach oberflächlichem Gepränge, übertriebenem Ehrgeiz, Eitelkeit und Neid prägte die Großmutter die Wesenszüge des Mädchens.
Trotz des traumhaften Triumphzuges über die herrlichste Marmorbrücke, die sie jemals ges e hen hatte, trotz des anmutigen Bildes, das die junge Braut den Florentinern bot, erinnerte sich Caterina daran, dass sie es niemals länger in der Nähe dieses kleinen überheblichen Biestes au s gehalten hatte. So kühl, wie der Marmor der Silvanischen Brücke, so kühl war ihre G e fühlswelt. Ferdinand seinerseits liebte einen seiner Pagen. Auch er kannte seine kleine Cousine, mit der er nun verheiratet wurde, sehr genau. Viele Jahre hatten sie zusammen im Palazzo Pitti gelebt. Ferdinand äußerte sich denn auch vordem über die vielen Möglichkeiten, sich in
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