Gefaehrten der Finsternis
zusammen. Er hatte keinen Zweifel daran, dass Ventel die Wahrheit sagte, aber er fragte sich schon, woher er das wissen konnte.Wenn die feindlichen Truppen sich beeilten, würden sie bald die Grenzregionen und die Letzte Stadt erreichen.Vielleicht drängte sie Ventel deshalb so - er machte sich Sorgen um seine Stadt, um seine Leute und seine Verlobte. Lyannen zwang sich, daran zu glauben.
Ein Fluch riss ihn aus seinen Gedankengängen. Ventel hatte sich Ardir genähert, um ihm das Gepäck an den Sattel zu schnallen, doch das Pferd hatte nach ihm getreten und Ventel konnte seiner Bewegung gerade noch seitlich ausweichen. Zornig ging er wieder auf das Tier zu, doch Ardir bäumte sich vor ihm auf. Das Tier, das ihm sein ganzes Leben lang treu gedient hatte, wollte auf einmal nicht mehr, dass er es anrührte.
Vorsichtig trat Lyannen neben Ventel und schlug vor: »Wenn du möchtest, kann ich ja das Gepäck aufladen.«
Ventel nickte. »Dann geht es schneller. Beeil dich.«
Schweigend verrichtete Lyannen diese Arbeit, bis er endlich den letzten Gurt festgezurrt hatte. Bei ihm war das Pferd sanftmütig und folgsam wie immer. Er zog noch einmal an den Befestigungsgurten, dann drehte er sich um.Ventel stand hinter ihm und beobachtete ihn stumm.
»Willst du mir etwas sagen?«, fragte Lyannen.
»Ich will dir etwas geben«, entgegnete Ventel. Und zu Lyannens größter Überraschung hielt er ihm den Umhang aus Mondseide hin.
Lyannen zwang sich zu einem Lachen. »Aber das ist ein Geschenk deiner Verlobten! Das kann ich nicht annehmen.«
»Doch, das kannst du«, gab Ventel barsch zurück. »Der Mann, dem dieser Umhang gehört hat, ist tot. Er hätte gewollt, dass du ihn bekommst.« Mit diesen Worten drückte er Lyannen den Umhang in die Hand. »Ich kann damit nichts mehr anfangen.«
Ventel drehte sich um, ging wortlos davon und ließ Lyannen wie erstarrt mit dem Umhang in der Hand stehen.
Sie marschierten den ganzen Tag, ohne dass Ventel ihnen die kleinste Pause zugestanden hätte. Er lief an der Spitze der Gruppe voraus, schnell und schweigsam, und keiner der Gefährten wagte es, ihn um eine Rast zu bitten. Am Ende des Zuges führte Lyannen Ardir an den Zügeln, denn das Pferd scheute weiter, sobald es seinen Herrn sah.Ventel schien das Verhalten seines Tieres gleichgültig zu sein. Hauptsache, es trug das Gepäck.
Lyannen erkannte seinen Bruder nicht wieder. Wo war der Ventel geblieben, der ihm Märchen erzählt hatte, als er klein war, oder mit dem er sich in Feenquell unterhalten hatte? Der kalte und herrische Krieger, der sie nun führte, war ganz sicher nicht der Bruder, den er so liebte.Ventel hätte niemals so achtlos das Geschenk seiner Verlobten weggegeben.Ventel hätte niemals Zweifel an ihrem Erfolg geäußert, er hatte immer an das Gute geglaubt. Leise, sodass sein Bruder ihn nicht hören konnte, fragte
Lyannen seine Gefährten nach ihrer Meinung. Er hoffte, dass sein Urteil einfach nur getrübt war, dass er sich irrte, doch auch die anderen waren verwundert und verwirrt.
»Wenn ich nicht genau wüsste, dass er es ist, würde ich sagen, er ist es nicht. Er benimmt sich, als wäre er plötzlich ein anderer«, sagte Elfhall schließlich.
Er konnte es nicht so recht in Worte fassen, aber allen war klar, was er damit meinte, denn sie dachten genau dasselbe. Und genau das hatte Lyannen befürchtet.
Es wurde Abend, ohne dass sie auf irgendjemanden oder irgendetwas gestoßen wären. Die Dunkelheit brach herein, aber Ventel machte keinerlei Anstalten anzuhalten. Alle waren müde und hungrig, aber keiner protestierte. Keiner von ihnen hatte den Mut, sich dem Mann widersetzen, der in ihren Augen nicht mehr Ventel war, sondern ein eiskalter Fremder. Ein Fremder, der ihnen mit seiner Erfahrung zwar ein guter Führer war, dessen Gefühle ihnen aber völlig verborgen blieben.
Erst ein paar Stunden nach Sonnenuntergang erlaubte ihnen Ventel eine Rast. »Machen wir eine Pause«, sagte er. »Allerdings nur einen kurzen Halt. Nicht mehr als drei Stunden. Das sollte euch genügen, um etwas zu essen zu machen und euch ein wenig auszuruhen. Ich verstehe gar nicht«, fügte er an, als er ihre bestürzten Gesichter sah, »weshalb ihr glaubt, dass ihr nachts so lange rasten könnt. Das hier ist kein Spaziergang. Unsere Zeit ist knapp und wir dürfen sie nicht mit Schlaf verschwenden. Also, beeilt euch jetzt. Ich will keine Klagen hören, wenn wir wieder aufbrechen müssen.«
Keiner wagte, dem etwas entgegenzusetzen,
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