Gefaehrten der Finsternis
meine Gedanken lieber für mich. Ihr würdet sie nicht verstehen und euch nur noch mehr beunruhigen. Meine persönlichen Probleme sind nicht so wichtig angesichts dessen, was mit unserer Welt geschehen wird, wenn wir scheitern. Um mich könnt ihr euch wieder kümmern, wenn die wirklich ernsten Probleme gelöst sind.«
»Glaubst du wirklich, dass eine Zeit kommen wird, in der die Probleme gelöst sind?«, fragte Drymn.
Da schaute Lyannen auf und sagte leise: »Wenn ich ehrlich sein soll, eigentlich nein. Nein, Drymn, ich glaube nicht daran. Das Böse ist diesmal zu stark, als dass man es einfach so besiegen könnte. Dieses Mal nicht. Es gibt keine Hoffnung.«
Drymn legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Ventel hätte nicht gewollt, dass du so sprichst.«
Aber Lyannen schob seine Hand fort und schüttelte den Kopf. »Ventel gibt es nicht mehr«, erwiderte er scharf. Und dann stand er auf, kehrte Drymn den Rücken zu und ging zu Ardir, um ihm das Fell zu bürsten.
Während Lyannen mit dem Striegel über das glänzende schwarze Fell fuhr, fing er an, mit dem Pferd zu reden, ohne genau zu wissen, warum. Und er war sich sicher, dass das Tier ihn besser verstehen konnte als seine Freunde. Dieses Pferd hatte Ventel auf jeden Fall sehr geliebt, vielleicht nicht so sehr wie Lyannen, aber doch genug, um unter seiner plötzlichen Entfremdung zu leiden. Er bedauerte, dass es nicht sprechen konnte, um ihm zu sagen, wie sehr es litt.
Plötzlich wieherte das Pferd laut auf und scheute. Lyannen, der in seine Gedanken versunken war, glitt der Striegel aus der Hand. Überrascht schaute er sich um und versuchte, das Tier zu beruhigen. Doch das war unmöglich. Schließlich bekam er die Zügel zu fassen und konnte Ardir mit großer Mühe festhalten.
»Probleme?«, fragte jemand trocken hinter ihm.
Diese Stimme war unverwechselbar, aber Lyannen lief dennoch ein Schauder den Rücken hinunter, als er sich umdrehte und Ventel vor sich sah. Das Gesicht seines Bruders war ernst und ausdruckslos. In seinen hellblauen Augen lag immer noch ein eisiges Funkeln.
»Ja, ich habe tatsächlich ein paar Probleme«, antwortete Lyannen, so ruhig er konnte. »Dein Pferd scheut, sobald es dich sieht.«
»Versuch, ihm die Hände über die Augen zu legen«, schlug Ventel vor. Er klang immer noch ausdruckslos, aber dieses Mal versuchte er zumindest, ihm einen Rat geben, und erteilte ihm keinen Befehl. Daher befolgte Lyannen ihn unverzüglich, da er darin eine - wenn auch kleine - Verbesserung sah. Das Pferd beruhigte sich sofort.
»Danke«, sagte Lyannen und deutete ein Lächeln an.
»Gern geschehen«, erwiderte Ventel mit etwas gezwungener Höflichkeit. Dann glitt zum ersten Mal, seit er wieder das Bewusstsein erlangt hatte, so etwas wie ein Lächeln über sein Gesicht. »Wenn ich das getan habe, hat es immer funktioniert«, fügte er an.
Lyannen starrte ihn an. Zum ersten Mal seit seiner Heilung spielte Ventel auf Ereignisse an, die vor ihrem Zusammenstoß mit den Pixies geschehen waren, und ließ damit durchblicken, dass noch etwas von dem alten Ventel in ihm steckte. »Ventel Weißhand ist tot«, hatte er vorhin gesagt. Doch jetzt …
»Aber das waren andere Zeiten.« Ventel setzte seinen Überlegungen barsch ein Ende. »Du kannst jetzt weitermachen, wenn du unbedingt willst.«
Lyannen hob den Striegel vom Boden auf und wandte sich wieder dem Pferd zu, aber unter Ventels kaltem Blick konnte er nicht einfach fortfahren. Er drehte sich wieder zu ihm um. »Du bist mein Bruder«, sagte er. Er wusste nicht genau, warum er das gesagt hatte, aber es war ihm ein Bedürfnis.
»Vom selben Blut.« Ventel nickte ernst. Diese Antwort war zweideutig, sie mochte alles und nichts bedeuten. Lyannen konnte sich keinen Reim darauf machen.
»Warum sagst du das zu mir?«, fragte Ventel weiter, immer noch sehr ernst.
»Du hast gesagt, dass mein Bruder tot ist«, flüsterte Lyannen und starrte ihn an.
»Falsch«, verbesserte ihn Ventel. »Das habe ich nicht gesagt. Ich habe gesagt, dass Ventel Weißhand tot ist. Das ist etwas ganz anderes.«
»Ventel Weißhand war mein Bruder«, entgegnete Lyannen. »Du bist nicht der Mann, der er war.«
»Nein«, sagte Ventel. »Und andererseits doch. Es kommt ganz darauf an, wie man es sieht.«
»Ich verstehe dich nicht«, erwiderte Lyannen leise. »Du bist nicht er.«
»Nein, das bin ich nicht.« Ventel schüttelte den Kopf. »Und doch bin ich es. Der Unterschied zwischen mir und ihm ist nicht klar. Ich habe dir
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