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Gefaehrten der Finsternis

Titel: Gefaehrten der Finsternis Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Chiara Strazzulla
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Stolz des gesamten Nebelreichs und der Augenstern seines Bruders, begibt sich unter Einsatz seines Lebens auf eine schwierige geheime Mission und versucht, unsere Männer zu retten, die der Feind nach der letzten Schlacht gefangen genommen hat. Doch er wird von einem gewissenlosen Wachtrupp der Ewigen geschnappt, die ihn hinterrücks umbringen. Jetzt kommen unsere tapferen Mannen ins Spiel, die zunächst im Verborgenen abgewartet hatten, sich nun aber nicht mehr zurückhalten können und den armen ermordeten Prinzen rächen, indem sie die Ewigen grausam niedermetzeln. Einfach und wirkungsvoll, oder? Diese hübsche Geschichte werden wir dem Volk erzählen. Das müsste eigentlich genügen.«
    Gylion schüttelte den Kopf. »Wir haben da nur ein kleines Problem, Scrubb. Wir können natürlich sagen, dass Tyke tot ist. Aber wir haben keine Leiche.«
    »Davon haben wir doch wirklich genügend!«, schnaubte Scrubb verächtlich. »Wir nehmen einfach einen von den Gefallenen der letzten Schlacht, die noch nicht begraben wurden, kleiden ihn in feine Seidensachen, färben seine Haare und machen sein Gesicht unkenntlich. Und da hast du deine Leiche. Und, kann ich dir noch eine Kleinigkeit vorschlagen?«
    Gylion nickte. »Lass mal hören.«

    »Was hältst du davon, wenn wir dem Volk denjenigen präsentieren, der für Tykes Tod verantwortlich ist, und ihn vor aller Augen hinrichten lassen? Das verleiht unserer Version der Ereignisse noch mehr Glaubwürdigkeit. Halt, sag erst einmal nichts, ich erklär dir gleich, wie ich das meine.Wir haben doch noch ein paar Elbengefangene von der letzten Schlacht, oder? Du suchst dir einfach einen heraus und erklärst ihn zum Schuldigen. Dann lässt du ihn öffentlich hinrichten und alle sind zufrieden. Und um ganz sicherzugehen, wählst du keinen großen Anführer, sondern jemand ganz Harmlosen, was weiß ich, irgendeinen blutjungen Kerl, der so aussieht, als könne er niemandem etwas zuleide tun. So schlägst du zwei Fliegen mit einer Klappe: Zum einen ist damit der Fall Tyke von Mirnar abgeschlossen und darüber hinaus kannst du dem Volk weismachen, dass auch der Unschuldigste der Ewigen in Wirklichkeit ein gefährlicher und blutrünstiger Gegner ist.«
    »Das könnte klappen«, räumte Gylion ein.
     
    Und es klappte. Als der Herr der Finsternis mit wohlüberlegten und klaren Worten die Grabrede hielt, kam niemand der Verdacht, dass es sich bei dem Toten nicht um Tyke handelte. Natürlich auch, weil die ganze Trauerfeier mit äußerster Sorgfalt vorbereitet worden war. Man hatte den Leichnam in prunkvolle Gewänder aus rotem Brokat gehüllt, verziert mit den Wappen des Königshauses. Er trug sogar den Siegelring am Finger, oder besser gesagt: eine perfekte Kopie. Und als König Lucidious persönlich vor dem Volk erschien und bei der Rede zu Ehren seines gefallenen Bruders in Tränen ausbrach, ging das allen zu Herzen, obwohl allgemein bekannt war, dass man im Haus Mirnar schon seit Generationen die Kunst pflegte, auf Kommando zu weinen. Und obwohl niemand für Lucidious die geringste Sympathie hegte, teilten doch alle in diesem Moment seinen Schmerz.
    Lucidious war schon eine auffallende Persönlichkeit. Schön
war er eigentlich nicht zu nennen, wenn man darunter eine gewisse Feinheit und Regelmäßigkeit der Gesichtszüge verstand, aber er verfügte über eine faszinierende Ausstrahlung. Er war vor Kurzem fünfunddreißig geworden, war als Thronfolger also noch sehr jung, denn wenn das Schicksal ihnen gnädig war, konnten die Sterblichen immerhin ein Alter von zweihundert Jahren erreichen. Und obwohl die Sterblichen im Allgemeinen inzwischen immer weniger den Ewigen ähnelten, hatte Lucidious sehr viel vom Aussehen seiner Vorfahren aus früheren Zeiten geerbt. Sein Gesicht wirkte zwar hart und kantig, doch auf gewisse Weise attraktiv. Er war groß und schlank, kleidete sich immer in Schwarz, und ein Blick auf ihn genügte, um jeden, der ihn so düster durch die Flure des Palastes und die Straßen der Stadt streifen sah, vor Furcht erstarren zu lassen. Sein Gesicht war blass und spitz und sein dichtes rabenschwarzes Haar nahm er für gewöhnlich hinten zu einem Pferdeschwanz zusammen. Sein halbes Gesicht verschwand hinter einem langen Pony, während nur ein kleiner Spitzbart sein Kinn zierte. Seine ausgeprägten tiefschwarzen Augenbrauen wirkten wie mit Kohlestift auf die bleiche Haut gezogen. Darunter lagen mandelförmige Augen von einem strengen, kalten Grau, eine edle Adlernase und

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