Gefaehrten der Finsternis
zugleich wirkte. Er trug reichlich Schmuck: goldene Ohrringe, zahlreiche Ketten um den Hals, Armreifen und -kettchen, die am Handgelenk klingelten, Ringe, die seine schlanken Finger schmückten. Er war gewiss ein Ewiger. Tyke hatte noch nie einem von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden, deshalb schwieg er zunächst und betrachtete ihn fasziniert.
»Wer seid Ihr?«, fragte er schließlich, aber gleich darauf schämte er sich, da es ihm unhöflich und grob erschien, als Erstes mit einer Frage herauszuplatzen, ohne sich vorher für die ausgezeichnete Gastfreundschaft bedankt zu haben.
Zu Tykes großer Erleichterung schien der Ewige keinesfalls beleidigt, sondern deutete sogar eine knappe höfliche Verbeugung an. »Taliman der Weise, Regent der Letzten Stadt, zu deinen Diensten.Auch wenn ich an deinem Ring gesehen habe, dass du aus dem Hause Mirnar stammst, würde ich doch gern deinen Namen erfahren, wenn es dir keine allzu großen Umstände macht.«
»Tyke von Mirnar, viertes Kind des seligen König Malvas, zu Euren Diensten«, antwortete Tyke so feierlich er konnte. »Ich weiß nicht, warum Ihr mich aufgenommen habt noch wohin Ihr mich gebracht habt, aber ich bin Euch zu großem Dank verpflichtet.«
»Das Warum ist schnell erklärt«, erwiderte Taliman ruhig. »Es ist für uns Ewige selbstverständlich, einem Notleidenden zu helfen, egal ob Freund oder Feind. Allerdings war es ziemlich offensichtlich, dass du ein paar Meinungsverschiedenheiten mit den Schwarzen Truppen gehabt hast, obwohl sich deine übrige Familie zurzeit gut mit ihnen verträgt.Wir verfügen zwar über ausgezeichnete Waffen, doch hinterlassen sie nicht so schwere Wunden
wie deine, die wir verbunden haben, daher musst du wohl mit einer Kreatur der Finsternis zusammengetroffen sein. Habe ich recht?«
Tyke nickte. »Ich bin der Bruder von König Lucidious und der Letzte aus dem Hause Mirnar, der getreu zum Bündnis mit den Ewigen steht. Mein Bruder, der sich mit Leib und Seele dem Herrn der Finsternis und seiner zweifelhaften Sache verschrieben hat, sah es überhaupt nicht gern, dass ich und mein anderer Bruder loyal zum Ewigen Königreich standen. Daher hat er Deramion wegen eines Verbrechens, das er nicht begangen hatte, zum Tode verurteilen lassen. Und mich hat er in Schlacht geschickt, wo ich bei der erstbesten Gelegenheit getötet werden sollte. Als ich trotz allem entkommen konnte und zu euch Ewigen fliehen wollte, hetzte er vier Dämonen und ein abscheuliches Ungeheuer mit Riesenkräften hinter mir her, die mich beinahe getötet hätten. Doch wieder konnte ich entrinnen, auch wenn ich dabei verwundet wurde, und nach dreitägiger überstürzter Flucht, auf der ich weder Wasser noch Brot hatte, bin ich dann am Fuße eines Baumes ohnmächtig zusammengebrochen. Da habt Ihr mich wohl gefunden.«
Der Regent nickte, als könnte er sich jetzt ein vollständiges Bild der Lage machen. »Das erklärt vieles«, sagte er mehr zu sich selbst.
Tyke überlegte, was genau denn nun sein Bericht erklärte, aber er fragte lieber nicht weiter nach, denn ihm fiel noch rechtzeitig ein, dass das wohl unhöflich gewesen wäre. Es war ziemlich wahrscheinlich, dass der Regent, so höflich und gastfreundlich er sich ihm gegenüber verhielt, kein Interesse daran hatte, ihm von seinen persönlichen Angelegenheiten zu erzählen. Tyke würde also seine Neugier zügeln müssen. Stattdessen fragte er: »Wo sind meine Kleider? Und wo ist mein Schwert?«
»Das Schwert gehörte den Goblins, und das Tragen von Goblinwaffen ist in der Stadt nicht gestattet, tut mir leid«, erklärte
ihm der Regent. »Aber wenn du möchtest, kannst du unsere Waffenkammer besuchen und dich dort mit allem ausstatten, was dir gefällt.Was deine Kleider betrifft, so haben wir sie waschen lassen, und die Frauen tun ihr Möglichstes, um sie wieder zu flicken. Bis dahin wird man dir saubere Gewänder und ein Paar Stiefel bringen. Nach allem, was dir widerfahren ist, wirst du wohl nicht ins Nebelreich zurückkehren wollen, oder irre ich mich? Aber ich denke, dass dein Mut belohnt werden sollte. Mein Haus ist auch dein Haus, solange du das möchtest. Und ich hoffe, dass du mir die Ehre gibst, an meiner Seite in die nächste Schlacht zu ziehen. Eine Schlacht, die uns sicher nur zu bald bevorsteht.«
»Wenn es mir gestattet ist, Euch in der Schlacht zur Seite zu stehen, dann ist die Ehre ganz meinerseits«, erwiderte Tyke gesetzt und bediente sich damit einer Höflichkeitsformel, die seit
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