Gefaehrten der Finsternis
und großen, quadratischen Segeln
aus weißem Tuch. In dem erstaunten Schweigen der Leute, denen diese unerwartete Ankunft die Sprache verschlagen hatte, glitten die Schiffe den Fluss hinauf, und man sah, wie die Mannschaften auf Höhe der Ersten Brücke ihre Leinen auswarfen und beinahe direkt beim Hauptplatz festmachten, der sich inzwischen in ein großes Feldlager verwandelt hatte. Sie holten die Segel ein und ließen einen Landesteg herab. Die Leute zu Land verfolgten die Ereignisse mit spürbarer Anspannung. Dann kam ein ganz in Rot gekleideter Mann den Steg hinunter: der Bote, den Aldrivin vor einigen Tagen ausgesandt hatte. Beinahe wäre die Menge in lautstarken Beifall ausgebrochen. Doch hinter dem Boten erschien betont gelassen ein zweiter Mann, eine so ungewöhnliche Erscheinung, dass alle schwiegen, zu sehr damit beschäftigt, ihn anzustarren.
An Bord der vielen Schiffe zeigten sich jetzt weitere genauso auffällige Erscheinungen, die zum einen die Stadt, zum anderen die Bewegungen der bereits abmarschbereiten Truppen beobachteten. Der Mann, der als Zweiter von Bord gegangen war, wechselte ein paar halblaute Worte mit dem Boten, dann nickte er und deutete mehrfach auf die Schiffe. Die Gesichter, die sich auf den Booten gezeigt hatten, verschwanden hastig, andere Landestege wurden heruntergelassen und die Mannschaften der dunklen Schiffe gingen unter allgemeinem Staunen ganz ruhig an Land, als wäre nichts Besonderes an ihrer Ankunft oder an ihnen selbst.
Wieder beugte sich ihr Anführer zu dem Boten und unterhielt sich mit ihm, dann nickte er erneut und wandte sich seinen Männern zu. »Schlagt euer Lager dort auf«, befahl er mit einem ungewöhnlichen Akzent und begleitete seine Worte mit einer Bewegung seiner rechten Hand hin zum Platz. Die Sonne ließ die Edelsteine und das Gold der zahlreichen Ringe aufblitzen, die seine schmalen Finger schmückten.
Viele seiner ebenfalls ungewöhnlich wirkenden Männer nickten heftig. Sie waren groß und schlank, trugen Gewänder in grellen
Farben, viel auffälligen Schmuck und hatten sich die Augen schwarz umrandet. Kurz darauf hatten sie Gepäck und Stoffzelte von Bord gebracht und sich völlig gleichgültig auf den Weg zu dem Feldlager auf dem Platz gemacht, als wäre ihre Anwesenheit dort völlig normal.
Der Hauptmann sagte sichtlich zufrieden etwas zu sich selbst, dann wandte er sich wieder an den Boten, der schweigend neben ihm wartete. »Ich denke, ich sollte jetzt mit Eurem König sprechen.«
Kurze Zeit darauf wurde Sire Myrachon die Ankunft von Theresian von Vilianna, dem Kommandanten der Truppen aus dem Süden, gemeldet.
Der Sire trug noch sein Hausgewand, als der Herold verkündete, dass Theresian in Begleitung des Boten vor der Tür stand und Einlass begehrte. Myrachon hätte sich lieber erst zurechtgemacht und umgezogen, aber da er niemanden warten lassen wollte, legte er sich nur seinen Umhang über die Schultern, zog die Sandalen an und setzte sich seine Krone auf, bevor er befahl, den Besucher eintreten zu lassen.
Im Stillen hatte er damit gerechnet, nur seinen eigenen Boten zurückkommen zu sehen. Die Verbindungen zum Süden waren wirklich sehr brüchig. Seit Jahrtausenden hatte es keinen Kontakt mehr zwischen Dardamen und Vilianna gegeben. Der Süden war auf gewisse Weise unabhängig, hatte eine andere Gesellschaft und Kultur, eine eigene Regierung und ein eigenes Heer.Wenn sie sich doch entschlossen hatten, jemanden zu entsenden, dann kam der Kommandant nun sicher, um mit ihm, dem König von Dardamen - und theoretisch auch dem König des Südens -, ausführlich darüber zu reden.Wie sich dieser Mann wohl verhalten würde: wie ein Untertan, wie ein Verbündeter oder wie sonst?
»Herr, der Kommandant Theresian«, meldete der Herold.
Die Tür vor dem Sire öffnete sich und Theresian betrat den
Raum. So ungewöhnlich er für einen Ewigen aussehen mochte und so sehr seine Erscheinung von der strengen Schönheit und der vornehmen, zurückhaltenden Eleganz der Bewohner Dardamens abwich - Sire Myrachon zeigte bei seinem Anblick doch nicht das geringste Erstaunen. Er sah ganz anders aus, als Myrachon erwartet hatte, aber nach all den Seltsamkeiten, die der König in seiner Jugend gesehen hatte, als er noch ein Sterblicher war, konnte ihn das nicht verwirren. Ja,Theresian sah schon seltsam aus für einen Ewigen, doch das lag nicht nur an seiner Aufmachung. Da war noch etwas anderes an ihm, eine störende Note, doch worin genau sie bestand, hätte
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