Gefaehrten der Finsternis
und runzelte erstaunt die Stirn. »Warum?«
»Ihr seid beinahe doppelt so alt wie ich, aber ich habe meine Nase viel, viel öfter vor die Tür gesteckt als Ihr, mein Herr Veteran«, schloss der König scherzhaft und zugleich auch ernst.
Myrachon dachte den ganzen Abend und einen guten Teil der Nacht über sein Gespräch mit Theresian nach. Durch das halb geöffnete Fenster seines Schlafzimmers, das auf den Hauptplatz ging, drangen Lieder und der Lärm vom Feldlager zu ihm empor. Er hörte einen Augenblick zu, in der Hoffnung, so seine Gedanken
von Theresian und ihrer Unterredung abzulenken.Von diesem Misston, der ihn immer noch beschäftigte.
Genau unter seinem Fenster spielte jemand Zimbeln und Flöten, und als er hinausschaute, sah er im Schein der Lagerfeuer, dass sich einige Männer aus Irgist zu einem temperamentvollen volkstümlichen Tanz zusammengefunden hatten. Einige Soldaten, die im Kreis um sie herumsaßen, klatschten lachend im Takt dazu. Die Truppen aus Ardistar, die sich ein wenig abseits hielten, hatten eines ihrer traurigen Lieder über Liebe,Tod und endlose Leiden angestimmt. In einem anderen Winkel drängten sich Leute um Matrosen aus dem Süden, die dort unglaubliche Geschichten zum Besten gaben. Die Männer aus der Goldenen Stadt zapften sich die letzten verbliebenen Schlucke Bier und verglichen es mit dem Likör, den ihnen die belustigten Soldaten aus Mymar anboten. Myrachon lächelte still. Er freute sich, sie alle so heiter, vereint und solidarisch miteinander zu sehen. Noch mehr hätte er sich allerdings gefreut, wenn die Versammlung friedliche Ursachen gehabt hätte. Doch nun musste er unbedingt Schlaf finden. Er verriegelte das Fenster, ohne dadurch die Rufe und den Lärm ganz ausschließen zu können, und legte sich wieder hin.
Sobald er versuchte, die Augen zu schließen, überfiel ihn wieder der Gedanke an Theresian und an das unstimmige Detail, und er fürchtete sich beinahe davor, es aufzudecken.Wieder sah er die seltsame Erscheinung des Admirals der Truppen aus dem Süden vor sich. Zweifellos war Theresian eine auffällige Erscheinung. Sogar für einen Ewigen war er sehr groß, aber sehr dürr, fast so dünn wie ein Strohhalm. Trotz des äußeren Anscheins wirkte er eigentlich sehr widerstandsfähig. Seine Haare waren gewellt, nein beinahe gelockt und hellblond. Auf seinen schmalen Lippen lag stets ein verächtliches Lächeln. Er hatte eine gerade Nase und ein Grübchen am Kinn. Sein schönes Gesicht mit den feinen gebogenen Augenbrauen war oval und von ganz
besonderer Schönheit. Unter den dünnen, fein geschwungenen Brauen lagen mandelförmige Augen. Sie waren von dicken schwarzen Linien umrandet, die sich bis an den Rand seines Gesichts hinzogen und die Intensität seines Blicks noch betonten. Ein Blick, der jetzt, wo Myrachon darüber nachdachte, seltsam wirkte.
Das war es also! Das passte nicht: die Augen! Jetzt fiel es dem König mit plötzlicher Klarheit ein. Wie dumm war er gewesen, dass er es nicht schon vorher bemerkt hatte! Das waren niemals die Augen eines Ewigen. Nicht nur, weil sie ein wenig zu mandelförmig waren. Nein, ihre Farbe passte nicht zu einem Ewigen. Diese Augen waren intensiv, schrecklich: ja, schrecklich! Jetzt, wo Myrachon sie sich in Erinnerung rief, waren sie schwarz, so schwarz wie Kohle, so dunkel, dass man Iris und Pupille nicht unterscheiden konnte. Leuchtend, manchmal von einer Spur Heiterkeit erfüllt oder auch eiskalt. Abgesehen davon, dass er noch nie einen Ewigen mit dunklen Augen gesehen hatte, hätten die auch nie so kalt geblickt. Das waren auch nicht die Augen eines Sterblichen, und er versuchte umsonst, sich davon zu überzeugen, dass Theresian ein Halbsterblicher war. Hinter diesen Augen verbarg sich ein Geheimnis, das jeden hätte erschrecken können, und jetzt, wo er es entdeckt hatte, fürchtete er sich davor, recht zu haben.
»Oh, komm schon, was bist du für ein Dummkopf, Myrachon!«, sagte er zu sich. »Warum sorgst du dich wegen so einer Kleinigkeit? Eigentlich ist das doch banal und uninteressant. Du kannst Theresian vertrauen, das hast du in deinem Gespräch mit ihm gespürt. Was willst du noch? Es wird schon nichts so Schreckliches sein.Vielleicht ist er doch nur ein Halbsterblicher und will es nicht zugeben. Vielleicht hast du dich auch geirrt. Nicht einmal du bist unfehlbar. Schlaf jetzt. Morgen ist Aufbruch und du musst an der Spitze des Heeres reiten. Deinen Männern zeigen, dass du Vertrauen hast. Das ist
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