Gefaehrten der Finsternis
allen auf den Grund kommen könnte, doch wenn er wenigstens ein paar der Gedanken dieses rätselhaften Mannes nachvollziehen konnte, war das ein bedeutender Fortschritt auf dem Weg, ihn kennenzulernen.
Nun warf der Einsame seine silbernen Strähnen schwungvoll nach hinten und richtete seine Augen wieder auf Viridian. »Ein neues Leben in einem anderen Körper«, wiederholte er. »Darüber habe ich auch schon nachgedacht, und ich glaube, dass so etwas möglich ist.« Gedankenverloren biss er sich auf die Unterlippe. »Zumindest klingt es vernünftig.«
»Vernünftig?« Viridian trat näher an den Einsamen heran. Er wünschte, dass er weiterreden, ihm von seinen Erlebnissen und Gedanken erzählen würde. Das Gedächtnis des Einsamen, eines Mannes, der nicht aus dem Schoß einer Frau geboren, sondern bereits als Erwachsener und bewusst denkender Mann erschaffen worden war, war in gewisser Weise das Gedächtnis ihrer Welt. Er hatte schon seit je existiert, hatte alles von Anbeginn der Zeiten erlebt. Wenn er sprach, war es, als würde er aus einem Buch vorlesen, das andere noch nicht einmal öffnen konnten. Und
Viridian hörte ihm nur zu gern dabei zu. »Vernünftiger als das Nichts?«, fragte er auffordernd nach.
»Ja«, sagte der Einsame. »Denn das Nichts ist leer und Leere ist immer falsch. Ein anderes Leben ist eine neue Chance. Um das zu tun, was du nicht geschafft hast, das zu sein, was du nicht gewesen bist. Noch einmal von vorne zu beginnen. Und das Schönste daran ist, dass du nicht einmal wissen wirst, dass es deine zweite Chance ist, oder deine dritte, vierte, hunderste. Du wirst nie wissen, wer du warst, sondern nur, wer du jetzt bist. Aber ich weiß es, ich weiß alles über mich. Ich weiß, wer ich war und wer ich bin. Und ich weiß, dass dies meine erste Chance ist und vielleicht die einzige. Für jemanden wie mich kann es keine zweite geben.«
»Das glaube ich aber schon«, entgegnete Viridian. »Ich meine, dass die Sterblichen keine zweite Chance haben - ihr Leben währt nicht ewig, und ihre Bestimmung ist es, dass alles ein Ende hat.Wir sind als Ewige geboren, wir sind dazu bestimmt, auf ewig zu leben. Der Tod ist auf unserem Weg eigentlich nicht vorgesehen. Aber unsere Bestimmung ist es, auf jeden Fall mitzuerleben, wenn alles endet, und das werden wir auch, gleichgültig mit welchem Namen oder in welchem Körper.«
Der Einsame lächelte. »Wir sind genau dort, wo ich hinwollte. Beim Ende der Welt. Und auch wieder am Anfang unserer Unterhaltung. Wie du siehst, kannst du dieser Frage nicht ausweichen. Wie wäre es also, wenn die Welt enden würde?«
Viridian zuckte unbehaglich mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Ich rede auch nicht gerne über solche Dinge«, gestand er. »Aber ich denke, wenn sie jetzt zu Ende wäre, wäre das angesichts unserer derzeitigen Lage gar nicht so schlimm. Also, ich meine, es wäre doch tragischer, wenn das Ende in einer Phase des Friedens und Glücks hereinbrechen würde. Ich bin immer Optimist gewesen, Mardyan, mindestens in dem Maße, wie du Fatalist bist.Wie du glaube ich an das Schicksal, aber ich beziehe meine Kraft daraus und sehe darin keinen Feind. Allerdings kann
ich bei all meinem Optimismus an den derzeitigen Geschehnissen nichts Positives erkennen. Unser Feind ist zu stark. Er ist uns haushoch überlegen. Er macht sich einen Spaß daraus, erst Hoffnungen in uns zu wecken und sie dann gleich wieder zu zerstören, sobald wir angefangen haben, daran zu glauben. Und wenn sich nicht bald etwas ändert, wird er uns alle in seine Gewalt bekommen. Und dann? Wenn in diesem Moment die Welt enden würde, hätte zumindest niemand gewonnen, weder er noch wir.«
»Wer weiß«, sagte der Einsame leise, wobei er mehr mit sich selbst zu sprechen schien als zu seinem Gegenüber. »Du sagst, ich wäre fatalistisch, und vielleicht hast du damit recht, aber auch ein Fatalist kann sich irren. Ich habe immer geglaubt, dass es mein Schicksal ist, auf ewig einsam zu sein, und jetzt sieh mich an: Ich kehre in die Welt zurück, von der ich annahm, ich hätte sie bereits vergessen, und das zusammen mit dir und einer Schar Droqq. Ich hatte beschlossen, mich nie mehr an jemanden zu binden, und jetzt gibt es mindestens schon zwei Personen, an denen mir etwas liegt. Ich habe eine Art sechsten Sinn für die Dinge, die da kommen werden. Es ist kein Blick in die Zukunft, mehr eine Ahnung. Und die sagt mir, dass es sinnlos ist, Gedanken an das Ende der Welt zu verschwenden, denn es
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