Gefaehrten der Finsternis
wird nicht rechtzeitig kommen, um uns die Blamage zu ersparen. Diese Angelegenheit müssen wir schon selbst regeln, mit unseren eigenen Kräften.«
»Und werden wir es schaffen?«, fragte Viridian. Jetzt war seine Stimme nur noch ein leiser Hauch. Die Worte waren ihm ganz von selbst über die Lippen gekommen, noch ehe er sie gedacht hatte. »Meinst du, dass es uns gelingen wird?«
Es schien, als müsse der Einsame erst überlegen, was er sagen sollte. »Als vernunftbegabter Mann«, antwortete er schließlich und wog jedes seiner Wort sorgfältig ab, »kann ich mir nicht vorstellen, dass auch nur die geringste Aussicht auf Erfolg besteht. Aber als Ewiger, als einer der Ersten, als Fatalist, wenn du möchtest,
weiß ich, dass wir es schaffen können. Ich weiß es einfach. Wir sind nur zu dumm, um zu sehen, wie.« Er lächelte. »Wenn du nicht daran glauben möchtest, dann bist du natürlich nicht dazu verpflichtet.«
Viridian entspannte sich und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Stamm eines abgestorbenen Baumes. Der Widerschein des Feuers schimmerte in seinen kornblumenblauen Augen. Mit einer Hand umklammerte er einen Zipfel seiner rauen Wolldecke. »Ich muss nicht daran glauben«, flüsterte er. »Mir reicht es, wenn ich hoffen kann.«
»Mir nicht«, widersprach ihm der Einsam grob. Dann wandte er sich brüsk von Viridian ab, und als er wieder etwas sagte, klang seine Stimme anders, irgendwie ferner. »Es gibt eine Zeit im Leben, in der man sich auf Hoffnungen stützen kann, und die habe ich mittlerweile hinter mir. Ein junger Mann kann allein von der Hoffnung leben. Ein Mann, der seit mehr als zweihunderttausend Jahren auf der Welt ist, braucht Gewissheiten, um weitermachen zu können.«
Viridian schwieg. Die dunkle Silhouette des Einsamen zeichnete sich klar vor dem rötlichen Schein des Feuers ab. Durch die dichte Wolkendecke, die die Unbekannten Länder in ständigen Nebel hüllte, meinte er, am Himmel ein paar Sterne zu erkennen, aber vielleicht konnten auch nur die scharfen Augen von Viridian diese blassen Lichter in der Ferne wahrnehmen, die nicht größer als Stecknadelköpfe waren. Andere Lichter leuchteten deutlich näher in Viridians Rücken; das waren die Lagerfeuer der Droqq.Von dort her drangen auch Stimmengemurmel und Gesänge in der rauen Sprache, die Viridian bestens vertraut war. Es waren fröhliche Trinklieder, die von Festen und heiteren Gelagen handelten und Viridian immer gefallen hatten. Doch unter den Droqq fühlte der Einsame sich unwohl, und daher hatte er beschlossen, ein wenig abseits von den Wesen zu lagern, die er insgeheim immer noch die Behaarten nannte.Viridian hätte zwar
gerne die Fröhlichkeit der Truppe geteilt, hatte dann aber beschlossen, dass er dem Einsamen Gesellschaft leisten wollte. Allmählich fühlte er sich dem geheimnisvollen Ewigen verbunden, auch wenn das sicher nicht an die innige Beziehung zwischen Slyman und dem Einsamen heranreichte.
»Mardyan?«, rief Viridian leise, denn der Einsame schwieg nun, als wäre er von seinen eigenen Gedanken voll und ganz in Anspruch genommen.
Er machte auch keine Anstalten zu antworten. Er verharrte regungslos, ein dunkler Schemen vor dem Schwarz der Nacht.
»Mardyan?«, rief ihn Viridian nun ein wenig lauter. »Mardyan, was machst du? Schläfst du?«
»Nein«, vernahm er die Stimme des Ewigen. Doch sein Gesicht konnte er nicht sehen, da es abgewandt war und im Dunkel lag. »Ich schlafe seit Langem nicht mehr.«
»Und was machst du dann?« Viridian hatte wieder leiser gesprochen. Hinter ihnen erklangen die Gesänge der Droqq.
»Ich denke nach«, antwortete der Einsame leise.
»Worüber?«
»Über das Schicksal.«
Bis zum nächsten Morgen fiel kein weiteres Wort.
Die Unbekannten Länder endeten in einem steilen Gebirgszug, dem Schroffen. Die hohe Felswand, die man von den Türmen der Letzten Stadt aus über den Resten vertrauten Gebiets aufragen sah, bildete in gewisser Weise eine doppelte Grenze zwischen dem Ewigen Königreich und den Unbekannten Ländern, zwischen der Sicherheit einer Heimstatt und der Gefahr des Unbekannten. Auf der Seite des Königreiches betrachtete man den Schroffen wie einen Schutzwall, der die Ewigen vor unheimlichen Bedrohungen abschirmte. Keinem von ihnen wäre es je in den Sinn gekommen, auf die andere Seite zu wollen. Hinter dem Schroffen endete für sie die Welt.
Doch hinter dem Schroffen, unter dem Schroffen, auf der anderen Seite begann sie auch wieder.
Der Einsame war einmal
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