Gefaehrten der Finsternis
Marsches wieder etwas gefasst, aber er war immer noch nachdenklich und wehmütig und sang ganz leise eine alte traurige Weise vor sich hin.Viridian, der ihm folgte wie ein Schüler seinem Lehrmeister, musste immer wieder unwillkürlich zu ihm hinüberblicken.
Schließlich lichteten sich die wenigen grauen Bäume, die bereits ihr Laub abgeworfen hatten, und verschwanden kurz drauf ganz. Der Boden wurde nackt und felsig. Es war schon später Nachmittag. Bleierne Wolken ballten sich am Himmel, und Viridian hatte auf einmal das Gefühl, dass jemand die Farbe aus der Welt gezogen hätte. Jetzt führte ihr Weg einen steilen Hang hinauf. Noch ein paar Schritte und sie konnten vom Schroffen auf die vertraute endlose Ebene und bis zu den Grenzstädten hinabblicken. Und vielleicht würden sie ja, wenn das Schicksal ihnen wohlgesonnen war, diese Nacht unter einem Dach in der Letzten Stadt schlafen.
Das war ein schöner Gedanke, doch in dem Einsamen stieg wieder Wehmut auf - bedeutete das doch auch das Ende des Alleinseins und des Friedens, die er all die Jahre lang genossen hatte. Einen Augenblick war er versucht, wieder umzukehren. Doch dann dachte er an Slyman und riss sich zusammen. Nur der Gedanke an ein Wiedersehen mit seinem Schüler trieb ihn jetzt vorwärts,
er wollte hören, dass es ihm gut ging und vor allem, dass er ihn nicht vergessen hatte. Er malte sich ein mögliches Treffen aus. Slyman würde ihm bestimmt mit offenen Armen und lachend entgegenlaufen; und dann würde auch der Einsame lachen, er, der seit Jahrtausenden kaum mehr gelächelt hatte, und würde diesen lieben Jungen fest in seine Arme schließen und ihm versprechen, ihn nie wieder zu verlassen. Und dieses Versprechen würde er dann auch halten. Doch dann zwang er sich, weiter darüber nachzudenken. Jetzt war nicht der geeignete Zeitpunkt, vor sich hinzuträumen und Luftschlösser zu bauen. Er führte eine militärische Expedition an, und so ungewöhnlich seine Truppe auch sein mochte, sie würden keine Chancen auf eine Zukunft haben, wenn sie sich nicht erst mit der Gegenwart auseinandersetzten.
Viridian befahl den Droqq anzuhalten. Der Wind fegte pfeifend über die Felsen. Nun konnten sie schon den oberen Kamm des Schroffen sehen; der Ausblick von dort oben musste wirklich fantastisch sein. Der Einsame erinnerte sich noch gut an das letzte Mal, als er vom Schroffen hinuntergeblickt hatte und die fernen Lichter der Letzten Stadt in der samtschwarzen Dunkelheit der Nacht hatte funkeln sehen. Doch nun war es Tag, wenn auch ein grauer und finsterer, und bestimmt brannten dort keine Lichter. Alles in allem wirkte die Landschaft längst nicht so romantisch wie damals.
Viridian trat zu dem Einsamen. »Also, was machen wir?«, fragte er. »Die Stadt ist dort unten, man muss sich nur ein wenig vorbeugen, um sie zu sehen. Der Feind«, hier deutete er vage nach Norden, und auf seinem schönen Gesicht zeigte sich ein Ausdruck der Verachtung, »auch.Was nun?«
Der Einsame überlegte. Der Feind durfte sie keinesfalls entdecken. Nicht nur, weil sie dann den Überraschungseffekt einbüßten, sie waren ihm ja zahlenmäßig eindeutig unterlegen. Es wäre schön gewesen, die Gastfreundschaft der Letzten Stadt in Anspruch
zu nehmen, doch sie konnten schwerlich mit den Droqq im Gefolge vor den Stadttoren erscheinen, so hätten sie nur eine Panik ausgelöst. Außerdem mussten sie sich erst einmal einen Überblick über die Lage verschaffen, denn da unten wurde bestimmt schon gekämpft.
»Sag den Behaarten, sie sollen hierbleiben«, sagte der Einsame schließlich. »Und sich bis auf weitere Befehle nicht von der Stelle rühren.Außerdem sollen sie sich so ruhig wie möglich verhalten. Am besten sollten sie gar keinen Lärm machen, wenn sie dazu imstande sind.« Er warf Viridian einen durchdringenden Blick zu. Der nickte und wartete darauf, dass der Einsame zu einem Ende kam. »Wir beide steigen zum Schroffen auf und überprüfen die Lage. Wenn alles ruhig ist, kommen wir wieder hierher zurück, erklären die Situation und lassen die Behaarten nachkommen.«
»Und wenn nicht alles glatt läuft?«, fragte Viridian. Er war bleich, aber seine Wangen waren vom Wind gerötet und seine wunderschönen schwarz umrandeten Augen glänzten.
»Das sehen wir dann. Ich kann im Moment gar nichts entscheiden, erst muss ich sehen, was da unten vor sich geht.«
Viridian nickte und äußerte sich nicht weiter dazu. Er hatte verstanden, was der Einsame vorhatte, und er war niemand, der
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