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Gefaehrten der Finsternis

Titel: Gefaehrten der Finsternis Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Chiara Strazzulla
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nach Syrkun und zur letzten Schlacht. Er hatte einst beschlossen, sich nicht mehr um das Schicksal der Ewigen zu kümmern, mochte geschehen, was da wollte. Und jetzt überlegte er voller Angst und Sorge, wie wohl dieser Krieg ausgehen würde, dachte vielleicht noch mehr darüber nach als Viridian, der so viel jünger und impulsiver war als er selbst. Oh diese Dummheit, er war so dumm gewesen!
    Dumm und enttäuscht.Wie hatte er nur glauben können, dass er sich so leicht den Verpflichtungen entziehen konnte, die allein
schon daraus erwuchsen, dass er ein Sohn dieser Welt war? Und das war er nun einmal, mehr als jeder andere, denn die anderen hatte eine Familie, Eltern aus Fleisch und Blut, er dagegen nicht. Er hatte niemanden. Er hatte keine Eltern außer Gott, von dem er zumindest mit Sicherheit wusste, dass es ihn gab, aber letzten Endes konnte er ihn nicht Vater nennen. Schöpfer, schon eher, aber Vater, nein, das nicht. Er hatte keine Familie. Er hatte einmal eine gegründet, damals mit Laila, aber sie war ihm unbarmherzig genommen worden. Hätte er vielleicht schon darin ein Zeichen sehen sollen, dass das Schicksal ihn nur als Sohn und väterlicher Beschützer der Welt zugleich sehen wollte? Als Wächter der Welt, in der er lebte? Aber nein, er hatte das nicht erkennen wollen. Er hatte sich blind gestellt.Vielleicht weil er sein Schicksal nicht akzeptieren wollte, weil er sich dagegen auflehnen wollte. Wie dumm er doch gewesen war!
    Jetzt verstand er es: Gegen sein Schicksal kann man nicht angehen. Obwohl er aufgebrochen war, um niemals wiederzukehren, hatte sich die Welt, die er nie mehr sehen wollte, ihm immer wieder fast schon gewaltsam aufgedrängt. Als er durch die wilden Forste der Wälder zog und über Pfade schritt, von denen er annahm, dass niemand anderes sie wählen würde, begegneten ihm immer wieder fröhliche Grüppchen von Gnomen, die von der Geselligkeit und Erholung schwärmten, die sie in der Goldenen Stadt gefunden hatten. Dann war er zu den einsamsten Ufern des Meeres vorgedrungen und doch konnte er in der Ferne die wei-ßen Segel der Schiffe auf ihrem Weg zu den Häfen des Südens leuchten sehen. Und wenn er auf dem Schroffen Rast machte, lag unter ihm die Letzte Stadt und funkelte mit tausend Lichtern, forderte beinahe sein Heimweh heraus. Die Letzte Stadt, nur mehr ein Haufen rauchender Trümmer.
    Und schließlich hatten sie ihn gefunden. Ganz gegen seinen Willen hatten sie ihm erzählt, was in seiner Abwesenheit vorgefallen war. Und sie hatte ihm dieses Kind, das noch in den
Windeln lag, anvertraut: Slyman. Ach, er erinnerte sich noch gut an den Tag, an dem sie ihn aufgespürt hatten. Vier Mann hoch hatte sie sich auf die Suche nach ihm gemacht: Brandan Stolzblitz, Leidhall von Mymar, Venissian der Schütze und Alvidrin der Hochgewachsene, dieser penible Kerl, der das Kind trug. Noch ehe der Einsame protestieren konnte, hatte man ihm das Baby in den Arm gelegt, ehe er protestieren konnte, dass er frei sein wollte und niemals einen Säugling auf seinen Weg mitnehmen würde. Es war ein schönes Kind und noch so klein. Nicht älter als drei Monate konnte der Junge sein. Doch Alvidrin hatte darauf bestanden, dass es dringend sei, und stur behauptet, dass er helfen müsse. Und dann hatte das Baby die Augen geöffnet und mit seinen kleinen Fingerchen nach der großen starken Hand des Einsamen gegriffen.
    Sosehr er sich dann auch dagegen gewehrt hatte - dieser kleine Ewige hatte ihn zutiefst gerührt. Er erinnerte ihn an seine Kinder, die nicht mehr am Leben waren. Es wäre zu schön - diesen unmöglichen Gedanken dachte er -, noch einmal Vater genannt zu werden. Und schließlich hatte sich der Einsame gefügt. Das Kind sollte mit ihm kommen und bei ihm aufwachsen. Fern von seiner Familie, seinem Namen, seiner Herkunft und seiner Bestimmung.
    Spätestens an diesem Tag hatte sich die Welt wieder mit Gewalt in das Leben des Einsamen gedrängt.
    Viele Male, wenn er über die Ereignisse nachdachte, hatte er sich betrogen gefühlt, als habe man mit ihm einen schlechten Scherz getrieben. Er war wütend geworden, aber er hatte niemanden gefunden, auf den sein Zorn hätte niederbrechen können. Er war also doch nicht unabhängig in seiner Entscheidung, konnte nicht frei wählen, was er sein und was er tun wollte?
    Aber jetzt begriff er.
    Er war frei, war es immer gewesen, und hatte von Anfang seine Entscheidung getroffen. Er hatte sich entschieden, der zu sein,
der er sein sollte, der Spur zu folgen, die

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