Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Geliebte Myriam, geliebte Lydia

Geliebte Myriam, geliebte Lydia

Titel: Geliebte Myriam, geliebte Lydia Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Karl Plepelits
Vom Netzwerk:
Obstler!'
    Sprach's, drückte mir das Mikrophon in die Hand und eilte nach hinten. Und die anderen? Na, die lachten fröhlich und spendeten herzlichen Beifall. Herr Schroll übernahm aus den Händen seiner Frau eine Flasche und ein Stamperl, und anschließend sah man ihn durch die Reihen gehen und unermüdlich das Stamperl anfüllen und jedem einzelnen anbieten; nur die Kinderlein, glaub' ich, die ließ er aus. Und es war hochinteressant zu beobachten, wie der Heiterkeitspegel im Bus beständig anstieg, und wie sich Frohsinn und gute Laune ausbreitete, und bald erkannte ich, warum das so gut funktionierte: der Herr Schroll bot nämlich jedem an, nicht nur ein Stamperl zu trinken, sondern so viele Stamperl ein jeder wollte. Und zuletzt hockte er sich zur Myriam und mir her und hielt uns seinen Selbstgebrannten unter die Nase, und da die Myriam bescheiden ablehnte und sich auch nicht eines aufnötigen ließ und weil er wirklich gut schmeckte und herrlich in der Kehle brannte, opferte ich mich halt und trank auch Myriams Anteil, und da der aus zwei Stamperln bestand und meiner aus dreien, mußte ich wohl oder übel insgesamt fünf zu mir nehmen. Und da war's um mich natürlich genauso geschehen wie um alle anderen, und für den Rest der heutigen Fahrt herrschte Fröhlichkeit und eitel Wonne, und alles war von Herzen verziehen.
    Nur einer wirkte eine Zeitlang noch ein bißchen enttäuscht, und das war der gute Machmut. Der hatte natürlich kein Stamperl angeboten bekommen, nicht nur als Chauffeur, sondern auch als Moslem; schließlich war er der einzige Gläubige in unserer illustren Runde. Und obendrein war ja Ramadan. Trotzdem schaute er immer wieder zu uns her - und es war deutlich zu erkennen, daß er neidisch schaute -, bis ich beschloß, ihn auch ohne Alkohol aufzuheitern. Und das ist mir auch gelungen. Aber wie's mir gelang, das verrat' ich euch nicht! Das müßt ihr nämlich selbst erraten.
    Und Myriam? Na, die gönnte uns unseren Massenschwips und lachte mit und schien sich neben mir pudelwohl zu fühlen, so wie ich mich neben ihr pudelwohl fühlte, und ich hatte ständig Lust, ihr den Arm um die Schulter oder die Taille zu legen, und mußte mich ständig zurückhalten. Und dann tat sie etwas, was mich in leichtes Erstaunen versetzte: sie legte sich das Kopftuch so über die Brust, daß ihre reizvollen Arme zur Gänze darunter verschwanden. Etwas verblüfft, fragte ich sie, wozu sie das tue. Und ihre Antwort: 'Damit meine Arme nicht braun werden. Du merkst ja selbst, wie die Sonne jetzt durch die Windschutzscheibe hereinbrennt!'
    'Damit deine Arme nicht braun werden?' gab ich, noch verblüffter, zurück. 'Ja, wieso sollen sie denn nicht braun werden?'
    'Weil doch eine weiße Haut viel schöner ist! Braune Arme - das haben ja die Bäuerinnen!'
    'Wirklich?' Aber jetzt ging mir langsam ein Licht auf. Offenbar ist das so, daß sich diese Bräunungssucht auf Europa und Amerika beschränkt, und auch bei uns soll's ja einmal eine Zeit gegeben haben, wo sich die vornehmen Damen vor der Sonne schützten und die sogenannte vornehme Blässe modern war. Ist die also in Ägypten immer noch modern? Um mich zu vergewissern, fragte ich die Myriam noch einmal ausdrücklich, und sie bestätigte meine Vermutung.
    So stand die Sonne noch hoch am Himmel, als vor uns eine größere Stadt auftauchte. Es gab auch ein Ortsschild, aber da ich bekanntlich Analphabet bin, konnte ich es natürlich nicht lesen und fragte Myriam, wie diese Stadt heiße. Antwort: El-Minja. Wie, schon am Ziel? Nein, keineswegs, denn wir hatten ja noch eine größere Besichtigung zu absolvieren, und zu diesem Zweck durchquerten wir jetzt bloß die Stadt und fuhren noch ein Stück weiter Richtung Süden, zweigten dann von der Hauptstrecke auf ein kleines Sträßlein ab und ließen uns von Machmut so weit bringen, bis er nicht mehr weiter konnte, nämlich bis zum Ufer des Nils. Dort verließen wir ihn und sein Gefährt nur zu gern, weil wir jetzt alle nach Bewegung und frischer Luft lechzten, und bewunderten erst einmal die phantastisch schöne Landschaft: hinter dem breiten und träg dahinströmenden Fluß, an dessen Ufer Boote mit spitzen, hohen, weißen Segeln vertäut waren, erhoben sich bizarre, graue Berge, und ihre steilen, felsigen Abhänge waren in mehreren Reihen übereinander durchlöchert wie ein Sieb.
    Und zu diesen Löchern wollen wir, Herr Reiseleiter?
    Jawohl, liebe Großfamilie, zu diesen Löchern wollen wir jetzt. Und jetzt hinunter mit euch

Weitere Kostenlose Bücher