Gesammelte Werke
Willen: »So etwas soll nicht noch einmal sein.«
1962
Fußnoten
1 So dankbar der Autor die Initiative des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit zu schätzen weiß, welcher seinen Vortrag den Teilnehmern der Europäischen Erzieherkonferenz als Druck zugänglich machen möchte, so sehr zögert er gleichwohl, der Publikation zuzustimmen. Er ist sich dessen bewußt, daß in seiner Art von Wirksamkeit gesprochenes und geschriebenes Wort noch weiter auseinander treten als heute wohl durchweg. Spräche er so, wie er um der Verbindlichkeit der sachlichen Darstellung willen schreiben muß, er bliebe unverständlich; nichts aber, was er spricht, kann dem gerecht werden, was er von einem Text zu verlangen hat. Je allgemeiner die Gegenstände sind, um so mehr verstärken sich die Schwierigkeiten für einen, dem jüngst ein Kritiker freundlich attestierte, seine Produktion gehorche dem Satz »Der liebe Gott wohnt im Detail«. Wo ein Text genaue Belege zu geben hätte, bleiben dergleichen Vorträge notwendig bei der dogmatischen Behauptung von Resultaten stehen. Er kann also für das hier Gedruckte die Verantwortung nicht übernehmen und betrachtet es lediglich als Erinnerungsstütze für die, welche bei seiner Improvisation zugegen waren und welche über die behandelten Fragen selbstverständlich weiterdenken möchten auf Grund der bescheidenen Anregungen, die er ihnen übermittelte. Darin, daß allerorten die Tendenz besteht, die freie Rede, wie man das so nennt, auf Band aufzunehmen und dann zu verbreiten, sieht er selber ein Symptom jener Verhaltensweise der verwalteten Welt, welche noch das ephemere Wort, das seine Wahrheit an der eigenen Vergänglichkeit hat, festnagelt, um den Redenden darauf zu vereidigen. Die Bandaufnahme ist etwas wie der Fingerabdruck des lebendigen Geistes. Indem der Autor von der liebenswürdigen Bereitschaft des DKR Gebrauch macht, all das unumwunden auszusprechen, hofft er, wenigstens einigen der Mißdeutungen vorzubeugen, denen er sonst unweigerlich sich aussetzte.
T.W.A.
Rodolphe Lœwenstein, Psychanalyse de l'Antisémitisme. Paris: Presses Universitaires de France 1952
Das Buch versteht sich als eine unmittelbar dem Gegenstand zugewandte, psychoanalytisch orientierte, aber zugleich sozialpsychologische und historische Aspekte einbegreifende Deutung des Antisemitismus. Trotz seines knappen Umfangs jedoch erweist es sich in Wahrheit als eine Art Kompendium der Forschungen über das Rassevorurteil. Daran hat es bis heute in Europa gefehlt. Zumal in Deutschland, wo man sich zwar zutraut, die Psychoanalyse zu überwinden, wo es aber zugleich nach wie vor an der Kenntnis der Freudschen Theorie mangelt, würde das Lœwensteinsche Buch eine erhebliche Funktion erfüllen. Es kann nur gewünscht werden, daß es bald seinen Übersetzer finde.
An spezifisch neuen Einsichten scheint nicht viel gewonnen. Doch ist daraus dem Autor kaum ein Vorwurf zu machen. Nachdem die Theorie einmal die einigermaßen starre und beschränkte Ontologie des Antisemitismus auskristallisiert hat, bleibt ihr nicht viel hinzuzufügen: psychische Verarmung, Immergleichheit, Enge des Bewußtseins gehören selber zum antisemitischen Syndrom. Fast täte die Bemühung um reicheres ›Verständnis‹ dem Gegenstand zuviel Ehre an. Durchwegs jedoch belegt der Autor die Theorie mit Beobachtungen aus der spezifischen klinischen Erfahrung, die einleuchten.
Merkwürdig nur, daß bei einem Buch solchen Charakters das verarbeitete Material erhebliche Lücken aufweist. So sind die »Studies in Prejudice«, von denen dem Autor offenbar bloß Bruchstücke zugänglich waren, ebenso wenig erwähnt wie die von jenen Studien ganz unabhängigen, aber parallel gerichteten Untersuchungen von E. Hartley. Da der Autor typologisch interessiert ist, so mag auch daran erinnert werden, daß das Institut für Sozialforschung bereits 1941 eine Typologie des Antisemitismus publiziert hatte, die dann in den »Studies in Prejudice« nach verschiedenen Dimensionen weiter verfolgt wurden. Auch auf Maurice Samuels »Great Hatred« wird nicht eingegangen.
Eine große Rolle spielen in dem Buch die psychologischen Eigentümlichkeiten der Juden. Ob es solche Eigentümlichkeiten gebe, steht nicht zur Debatte. Wohl aber, ob sie zum Verständnis des modernen – und das heißt: des totalitären – Antisemitismus viel helfen. Denn dieser hängt mit der primären Erfahrung des erkorenen
Weitere Kostenlose Bücher