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Gesammelte Werke

Titel: Gesammelte Werke Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: W. Theodor Adorno
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Feindes kaum zusammen. Immer wieder stößt man darauf, daß Antisemiten die ihnen bekannten Juden vom Vorurteil ausnehmen und nur die andern attackieren; und in Gegenden, in denen überhaupt keine Juden leben, scheint der Antisemitismus nicht geringer zu sein als in Zentren jüdischer Bevölkerung. Ob der Antisemitismus jemals mit dem psychischen Sosein der Juden viel zu tun hatte, ist fraglich. Heute hat er es ganz gewiß nicht. Er wurde längst zum manipulierbaren, ideologischen Herrschaftsmittel geschliffen. Die Kunst der Agitatoren, die von je zum Antisemitismus gehörten, besteht darin, auf höchst rationale Weise irrationale Momente in den von ihnen Erreichten zu erwecken. Die Abhebung des ›sekundären‹, eigentlich schon gar nicht mehr spontanen und darum doppelt unversöhnlichen Antisemitismus vom älteren, noch nicht durchorganisierten ist unbedingt geboten, wenn man nicht dem Grauen von heute allzu harmlose Begriffe entgegensetzen möchte. Die psychologische, ›beseelende‹ Auffassung hat selber, gegenüber dem administrativ durchgeführten Mord, etwas von solcher Harmlosigkeit.
     
    Ca. 1952
     
     
    Otto Büsch und Peter Furth, Rechtsradikalismus im Nachkriegsdeutschland. Studien über die »Sozialistische Reichspartei« (SRP). Berlin, Frankfurt a.M.: Verlag Franz Vahlen 1957. (Schriften des Instituts für politische Wissenschaft. Bd. 9.)
     
    Der Band bietet einen wesentlichen empirischen Beitrag zur politischen Soziologie. Die Methode, die sich abzeichnet und die sich wohl erst im Verlauf der Untersuchung selbst auskristallisiert hat, ist ›perspektivisch‹: eine institutionelle Studie über Geschichte und Gestalt der 1952 verbotenen »Sozialistischen Reichspartei« steht am Anfang, es folgt eine der Ideologie der untersuchten Partei geltende Untersuchung, eine qualitative content analysis von Propagandamaterial. Kaum zufällig, daß heute an verschiedenen Stellen solche methodischen Kombinationen mehr oder minder unabhängig voneinander erprobt werden. Sie bezeugen, daß weder mehr bloß objektiv gerichtete noch ideologiekritische Analysen noch subjektiv gerichtete Meinungsbefragungen in der politischen Soziologie isoliert ausreichen. Jede einzelne jener Verfahrensweisen bringt die Gefahr perspektivischer Verzerrungen mit sich: die objektiv organisatorische Analyse etwa tendiert dazu, über die Bewußtseinsinhalte und die potentiellen Verhaltensweisen derer hinwegzugehen, die den Organisationen angehören; die bloße Ideologieanalyse wird leicht die realen Interessenkomplexionen zumal hinter manipulativen Bewegungen wie denen des neofaschistischen Rechtsradikalismus verfehlen. Wenn es der empirischen Soziologie versagt ist, die gesellschaftliche Totalität als solche in den Griff zu bekommen, dann kann sie immerhin durch sinnvolle Verbindungen verschiedener Fragestellungen und Forschungsweisen, zentriert um den gleichen Gegenstandsbereich, einiges dazu beitragen, zu berichtigen, woran sie vorweg laboriert. Das dürfte in den beiden sich ergänzenden Studien von Otto Büsch und Peter Furth in besonderem Maß geglückt sein. Sie waren begünstigt dadurch, daß ihnen das Material zugänglich war, auf Grund dessen seinerzeit das Verbot der SRP erfolgte, so daß die Autoren von der gerade bei apokryphen politischen Phänomenen oft sehr schwierigen Aufgabe der Dokumentation weithin entlastet wurden. Schade nur, daß nicht, als dritte Studie, eine Befragung von Mitgliedern der SRP durchgeführt werden konnte; sie erst hätte, im Zusammenhang mit den beiden anderen, etwas über das Verhältnis von Parteiapparat, Ideologie und tatsächlichem Denken und Verhalten der Organisierten ausmachen können und die volle Perspektive gegeben. Doch wäre fraglos gerade in dieser Zone eine Meinungsbefragung fast unüberwindlichen Schwierigkeiten ausgesetzt gewesen, zu schweigen davon, daß nach dem Verbot auch ein Sample der Parteimitglieder kaum mehr sich hätte zusammenstellen lassen.
    Inhaltlich besagen solche Untersuchungen mehr über Potentialitäten, als etwas politisch Unmittelbares. Die ausdrückliche Frage nach dem neofaschistischen Potential nun wird von den Autoren vermieden. Doch läßt sich manches extrapolieren. Wie beim alten Nationalsozialismus zeichnet sich auch bei der SRP der Vorrang einer nach dem Führerprinzip aufgebauten, strikten Organisation über jedes spezifische Programm aufs deutlichste ab. Die organisatorische Straffheit (vgl. etwa S. 106) dürfte von sich aus bereits die

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