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Gesammelte Werke

Titel: Gesammelte Werke Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: W. Theodor Adorno
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nicht mehr kommen lassen. In der größten erreichbaren Öffentlichkeit ist gegen die Notstandsgesetze zu opponieren wegen des Verdachts der Notstandsfreude derer, die sie erlassen. Daß die Notstandsfreude kein Zufall ist, sondern Ausdruck eines mächtigen gesellschaftlichen Zuges, sollte die Opposition dagegen nicht mindern sondern steigern.
     
    1968
     
     
»Über die Berliner Vorgänge«
Vor der Vorlesung am 6. Juni 1967
    Es ist mir nicht möglich, die Vorlesung heute zu beginnen, ohne ein Wort zu sagen über die Berliner Vorgänge, so sehr diese auch beschattet werden von dem Furchtbaren, das Israel, der Heimstätte zahlloser vor dem Grauen geflüchteter Juden, droht.
    Mir ist bewußt, wie schwer es nachgerade fällt, auch über das faktisch Einfachste sich ein gerechtes und verantwortliches Urteil zu bilden, weil alle Nachrichten, die zu uns gelangen, bereits gesteuert sind. Aber das kann mich nicht hindern, meine Sympathie für den Studenten auszusprechen, dessen Schicksal, gleichgültig was man uns berichtet, in gar keinem Verhältnis zu seiner Teilnahme an einer politischen Demonstration steht. Unabhängig davon, welche der einander widersprechenden Darstellungen der erschreckenden Vorgänge zutrifft, ist auf jeden Fall die Beobachtung, daß stets noch in Deutschland die offizielle und mit dem Geist von Demokratie unvereinbare Neigung höherer Instanzen herrscht, Aktionen der im doppelten Sinn untergeordneten Organe a priori zu decken. Nachdem die Untersuchung der Hamburger Vorgänge in einer sogenannten Beruhigungszelle abgebrochen wurde, steht zu befürchten, daß Ähnliches auch in Berlin geschehe. Nicht nur der Drang, den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sondern die Sorge darum, daß der demokratische Geist in Deutschland, der wahrhaft erst sich bildet, nicht durch obrigkeitsstaatliche Praktiken erstickt wird, macht die Forderung notwendig, es möchten die Untersuchung in Berlin Instanzen führen, die mit denen, die da geschossen und den Gummiknüppel geschwungen haben, organisatorisch nicht verbunden sind und bei denen keinerlei Interesse daran, in welcher Richtung die Untersuchung läuft, zu beargwöhnen ist. Daß die Untersuchung in vollster Freiheit, raschestens, ungegängelt von autoritären Wünschen, dem Geist der Demokratie gemäß angestellt werde, ist ein Wunsch, den ich nicht als meinen privaten fühle sondern als einen, der in der objektiven Situation entspringt. Ich vermute, daß Sie ihn teilen.
    Ich bitte Sie, sich zum Gedächtnis unseres toten Berliner Kommilitonen Benno Ohnesorg von Ihren Plätzen zu erheben.
     
    Diskus. Frankfurter Studentenzeitung. Extrablatt, 8./9.6.1967, S. 2
     
     
»Zum Freispruch des Polizeiobermeisters Kurras«
Vor der Vorlesung am
23.
November 1967
    Ich nehme an, es ist auch in Ihrem Sinn, wenn ich einige Worte zum Freispruch des Polizeiobermeisters Kurras sage. Ich bin kein Jurist und beanspruche nicht die Qualifikation, juristisch über das Urteil mich zu äußern. Sicher war es schwer, den Tatbestand zu rekonstruieren, und er selbst dürfte jenes Moment von Verworrenheit enthalten haben, auf das man fast stets dort stößt, wo man glaubt, das öffentliche Unwesen konkret greifen zu können. Die Problematik dessen, was man Urteilsschelte nennt, ist mir vertraut. Immerhin kann ich nicht mein Mißtrauen verschweigen gegen eine Wissenschaft, die den Anspruch ihrer Objektivität wesentlich auf jene Technik der Subsumtion gründet, die mir philosophisch höchst problematisch dünkt. Ganz gewiß wäre es nicht an mir, der das Bedürfnis zu strafen für überaus fragwürdig hält, meinerseits mich zum Sprecher jenes Bedürfnisses zu machen und, von der anderen Seite her, mich in die Gesellschaft derer zu begeben, mit denen ich nichts gemein zu haben wünsche. Aber all das ist bei der Ermordung unseres Kommilitonen Ohnesorg nicht das Entscheidende. Wenn schon der Polizeiobermeister nicht verurteilt werden kann, weil ihm Schuld im Sinn des Gesetzes nicht nachzuweisen ist, so wird dadurch die Schuld seiner Auftraggeber um so größer. Daß man die Polizei bei einer Studentendemonstration bewaffnete, trägt die Versuchung zu jenen Aktionen in sich, welche der Polizeiobermeister mit dem Wort Auftrag rechtfertigen möchte. In Frankfurt zeigte sich wiederholt, daß die Polizei solcher Methoden nicht bedarf; um so dringlicher, Auskunft darüber zu erlangen, warum sie sie in Berlin anwendete, wer die Verantwortlichen sind und wie es mit dem sogenannten Auftrag

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