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Gesammelte Werke

Titel: Gesammelte Werke Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: W. Theodor Adorno
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bestellt ist. Über all das jedoch geht der Eindruck hinaus, den ich von Herrn Kurras hatte, als er im Fernsehen erschien. Ich vernahm da einen Satz etwa wie: »Es tut mir leid, daß dabei ein Student ums Leben gekommen ist«. Der Tonfall war unverkennbar widerwillig, so wie wenn Herr Kurras jene dürftigen Worte sich mühsam abgerungen hätte, gar nicht im Ernst dessen sich bewußt geworden wäre, was er anrichtete. Die Affektarmut des »Es tut mir leid« verklagt ihn ebenso wie das unpersönliche » ...ein Student ums Leben gekommen ist«. Das klingt, als hätte am zweiten Juni eine objektive höhere Gewalt sich manifestiert und nicht Herr Kurras, zielend oder nicht, auf den Hahn gedrückt. Solche Sprache ist zum Erschrecken ähnlich der, die man in den Prozessen gegen die Quälgeister der Konzentrationslager vernimmt. Herr Kurras hat es nicht über sich gebracht, einfach zu sagen: »Ich bin unglücklich darüber, daß ich einen unschuldigen Menschen getötet habe«. Der Ausdruck »ein Student« in seinem Satz erinnert an jenen Gebrauch, der heute noch in Prozessen und in der Öffentlichkeit, die darüber berichtet, von dem Wort Jude gemacht wird. Man setzt Opfer zu Exemplaren einer Gattung herab. Von derlei Erwägungen abzusehen, können keine juristischen mich veranlassen. Antwort wäre nachdrücklich zu verlangen auf die Frage, wie man in Berlin einen Menschen von der Mentalität des Herrn Kurras einstellen und ihn in eine Situation bringen konnte, die ihn dazu ermutigte, auf seine Weise sich zu betätigen.
     
    Diskus. Frankfurter Studentenzeitung, November/Dezember 1967
     
     
Kritische Theorie und Protestbewegung
Ein Interview mit der »Süddeutschen Zeitung«
    Frage:
In der Öffentlichkeit besteht der Eindruck, die revolutionäre Aktivität einiger Studentengruppen sei zum Teil auf den philosophischen Denkansatz zurückzuführen, der von Ihnen mitentwickelt wurde und vertreten wird. Das Frankfurter Institut für Sozialforschung gilt als geistige Heimstatt der »Revolutionären Linken«. Inwieweit ist diese Ansicht zutreffend?
    Adorno:
Das Verhältnis zwischen Denkansätzen und praktischen Konsequenzen war stets äußerst gebrochen und ist es heute erst recht. Robespierre hat Rousseaus volonté générale zur Rechtfertigung für den Terror seiner Clique mißbraucht. Die kritische Theorie, wie sie vom Institut für Sozialforschung in Frankfurt in völliger geistiger Freiheit und Autonomie entwickelt wurde, hat nie nach ihrer Anwendbarkeit geschielt und gar dem Kriterium von Anwendbarkeit sich unterworfen. Welche unserer theoretischen Motive in die Studentenbewegung hineingewirkt haben, vermag ich kaum zu beurteilen. Ein wirklich faßlicher Zusammenhang zwischen dem gegenwärtigen Aktionismus, den ich für höchst problematisch halte, und unseren Gedanken ist mir noch von keinem Menschen aufgezeigt worden. Irrationale Aktionen, von der Theorie abgelöst, die man verlästert, sind nie in unserem Sinn gewesen. Kritische Theorie schließt notwendig eben jene Analyse der Situation ein, die sich der Aktionismus erspart, um nicht der eigenen Hinfälligkeit innewerden zu müssen. Im übrigen ist die These, wir hätten Ideen entwickelt, die sich gegen uns gewandt hätten, als sie in die Tat umgesetzt wurden, besonders beliebt bei denen, und wahrscheinlich von ihnen erfunden, welche die Freiheit des kritischen Gedankens mit der Geste des »Seht ihr's« lähmen wollen. Ich habe so wenig Neigung, diesem Gestus mich zu beugen wie den Solidaritätszwängen der Aktionisten.
    Frage:
Wo würden Sie die Grenze ziehen zwischen einer legitimen praktischen Umsetzung Ihrer kritischen Gesellschaftstheorie und einer auf Mißverständnis und Ideologisierung beruhenden Verfälschung des Denkmodells, wie sie etwa Jürgen Habermas kritisiert hat. Wo liegt der entscheidende Punkt?
    Adorno:
Mit der Kritik der Verfälschung kritischen Denkens durch den Aktionismus, die Habermas gegeben hat, stimme ich gänzlich überein. Wie er rechne ich den Aktionismus zur Pseudoaktivität. Der entscheidende Differenzpunkt ist wohl der, daß unter den gesellschaftlichen und technischen Bedingungen der Gegenwart verändernde Praxis überhaupt vorstellbar ist nur als gewaltlos und durchaus im Rahmen des Grundgesetzes.
    Frage:
In einer Umfrage dieser Zeitung zum Jahreswechsel 1966/67 sagten Sie, Sie verspürten eine steigende Abneigung gegen Praxis im Widerspruch zu Ihren eigenen theoretischen Positionen * . Ist es möglich, daß die von Ihnen wegen ihrer

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