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Gesammelte Werke 6

Gesammelte Werke 6

Titel: Gesammelte Werke 6 Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Arkady Strugatsky
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auch dieser war sorgfältig zugeklebt. Eine Adresse stand nicht darauf, lediglich: »Felix Alexandrowitsch Sorokin. Persönlich! Unbefugte bitte nicht öffnen!«
    Ich ertappte mich dabei, dass ich, die Unterlippe vorgeschoben, unschlüssig dasaß. Dieser Anruf … »Wir melden uns wieder …« Katjas Kaderleiter … Die Aussicht, das Kuvert zur zuständigen Stelle zu bringen und Erklärungen ab zugeben, auch schriftliche, war eine scheußliche Vorstellung … Hm, oder ich sage so etwas wie … »Ja. Da war so ein Brief, irgendein Unsinn. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wis sen Sie, ich bekomme so viel Post, auf alles kann man ja nicht reagieren.«
    Entschlossen öffnete ich auch das zweite Kuvert.
    Darin lag ein Blatt Papier mit Blauschnitt, auf dem in deutlicher, sogar schöner Schrift mit schwarzer Tinte (und ohne Anrede) stand:
    »Wir haben längst herausgefunden, wer Sie sind. Aber seien Sie unbesorgt: Wir kennen Ihr Schicksal und achten es; von unserer Seite haben Sie keine Enthüllung zu befürchten. Im Gegenteil, wir sind bereit, alles zu tun, um die Gerüchte zum Verstummen zu bringen, die hinsichtlich Ihrer Person und der Motive, warum Sie unter uns weilen, bereits kursieren. Sollten Sie unseren Planeten (oder unsere Zeit) aus technischen Gründen nicht verlassen können, so seien Sie gewiss: Wenn unsere technischen Möglichkeiten auch gering sind, sie stehen voll und ganz zu Ihrer Verfügung. Wir melden uns wieder. Arbeiten Sie unbesorgt weiter.«
    Ach, hol sie doch alle der Teufel, diese Hirnamputierten.

6
    Banew | Anstoß zu Aktivitäten
    Viktor erwachte erst zur Mittagszeit. Er hatte leichte Kopfschmerzen, aber überraschend gute Laune.
    Am Abend hatte er geraucht, bis die Schachtel Zigaretten leer gewesen war, hatte sich hinunter auf den Parkplatz begeben und mit einer Haarnadel einen Wagen aufgebrochen, Irma durch den Hinterausgang geführt und sie zu ihrer Mutter zurückgebracht. Nachdem sie im Auto Platz genommen hatten, schwiegen sie. Dabei fühlte sich Viktor äußerst unbehaglich, Irma aber saß sauber, adrett und nach der neuesten Mode frisiert – ohne ihre Rattenschwänze –, ja sogar mit angemalten Lippen neben ihm. Er hätte sich liebend gern mit ihr unterhalten, aber dazu hätte er erst einmal seine bodenlose Dummheit eingestehen müssen. Das allerdings kam ihm unpädagogisch vor. Die Sache endete damit, dass Irma ihm aus heiterem Himmel erlaubte zu rauchen (unter der Bedingung freilich, dass alle Fenster aufgerissen würden) und ihm erzählte, wie interessant der Abend für sie gewesen sei; er erinnere sie an das, worüber sie früher gelesen, aber nie so recht geglaubt habe. Sie finde es toll, dass er ihr dieses überraschende und sehr lehrreiche Erlebnis verschafft habe; überhaupt sei er kein Langweiler und Schwätzer, sondern ein sehr netter Kerl. Diana halte sie fast für »eine von uns«; auch sie hasse all diese Leute, sei aber leider nicht sonderlich gebildet und trinke zu viel; das aber sei letzten Endes nicht so schlimm, denn du, Papachen, trinkst ja auch und hast den Kindern trotzdem gefallen, weil du ehrlich warst und dich nicht als Hüter einer höheren Weisheit aufgespielt hast. Denn das, sagte sie, bist du ja beim besten Willen nicht, und sogar Bol-Kunaz meint, du seist der einzige vernünftige Mensch in der Stadt, wenn man mal von Dr. Golem absieht. Aber Golem hat auch eigentlich nichts mit der Stadt zu tun; außerdem ist er kein Schriftsteller und transportiert demnach auch keine Ideologie – was meinst du, braucht man eine Ideologie, oder kommt man ohne sie aus? Heute meinen ja viele, dass die Zukunft der De-Ideologisierung gehöre …
    Sie hatten sich wunderbar und in einer Atmosphäre gegenseitiger Achtung unterhalten. Nach seiner Rückkehr ins Hotel (den Wagen hatte er in einem Hof voller Gerümpel abgestellt) fand Viktor, es sei gar keine so undankbare Aufgabe, Vater zu sein – besonders, wenn man das Leben kennt und selbst seine Schattenseiten erzieherisch zu nutzen weiß. Auf diese Erkenntnis stieß er mit Teddy an, der ebenfalls Kinder hatte und sich für Erziehungsfragen interessierte. Sein Ältester war vierzehn – ein schwieriges Alter, sagte er, die Pubertät … Auch mit Irma wirst du noch graue Haare kriegen. Um genau zu sein: Sein ältester Enkel war vierzehn. Um die Erziehung seines Sohnes hatte er sich nicht kümmern können, weil dieser seine Kindheit in einem deutschen Konzentrationslager verbracht hatte. Kinder sollte man nicht schlagen, meinte

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