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Geschichte des Westens

Geschichte des Westens

Titel: Geschichte des Westens Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heinrich August Winkler
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Ersten Weltkrieg hatten 175.000 muslimische Algerier teilgenommen; 25.000 von ihnen waren gefallen. Sie entrichteten damit den höchsten Blutzoll unter den nichteuropäischen Einheiten, die zwischen 1914 und 1918 auf französischer Seite kämpften. Als Anerkennung dieses Beitrags zum Sieg über die Mittelmächte verfügte ein Gesetz vom Februar 1919die steuerliche Gleichbehandlung von Franzosen und Muslimen. Dasselbe Gesetz räumte Arabern und Berbern das Recht auf die Wahl von Vertretern in den örtlichen Räten ein, wo die Franzosen aber weiterhin die Mehrheit hatten. Parität zwischen beiden Gruppen gab es nur in den sogenannten Finanziellen Vertretungen.
    Die Unzufriedenheit mit der Diskriminierung von Arabern und Berbern fand ihren Ausdruck in einer von der Kommunistischen Partei Frankreichs unterstützten Initiative: der Gründung des Nordafrikanischen Stern (Étoile Nord-Africaine) im Jahr 1926. Von Anfang an stand die Unabhängigkeit Algeriens an der Spitze seiner Forderungen. Unter der Führung des charismatischen Ahmed Messali Hadj löste sich der Verband allmählich vom kommunistischen Einfluß, blieb aber eine revolutionäre Organisation, die ihre Anhänger vor allem in der Arbeiterschaft hatte. Mehrfache Verbote und Verhaftungen von Messali Hadj konnten die Bewegung nicht dauerhaft schwächen. Mitte der dreißiger Jahre schloß sich Messali Hadj der panarabischen Bewegung unter Schakib Arslan an und begann, mit der extremen Rechten Frankreichs Verbindung aufzunehmen. Nach dem endgültigen Verbot des Nordafrikanischen Stern durch die Volksfrontregierung unter Léon Blum im Januar 1937 gründete Messali Hadj den Parti Populaire Algérien, der 1939, nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, ebenfalls verboten wurde.
    Im Gegensatz zum Nordafrikanischen Stern war die 1935 von Scheich Abd el Hamid Ben Badis gegründete, vor allem von Schrift- und Rechtsgelehrten getragene Association des ouléma reformistes d’Algérie, eine entschieden islamistische Unabhängigkeitsbewegung. Im Vordergrund seiner Aktivitäten standen die Gründung von Koranschulen und das Bemühen um die Wiederbelebung traditioneller islamischer Werte. Eine Massenbewegung konnte der Verband mit diesem Programm ebensowenig werden wie sein Antipode, die 1930 entstandene Fédération des Élus Algériens um den Arzt Bendeskul und den Apotheker Ferhat Abbas, eine Vereinigung von meist akademisch gebildeten, durch ihre französische Erziehung geprägten Algeriern, die die volle Gleichberechtigung von Arabern, Berbern und Franzosen im Rahmen Frankreichs, mithin die kulturelle Assimilation der Muslime anstrebte.
    Diese Linie entsprach den Vorstellungen der französischen Sozialisten, stieß aber auf vehementen Widerspruch beim NordafrikanischenStern und beim Verband der Ulema. Die schrittweise Verleihung des französischen Bürgerrechts an Araber und Berber, wie sie die Volksfrontregierung nach 1936 plante (zunächst war an 20.000 bis 30.000 Personen gedacht), scheiterte am verbissenen Widerstand der französischen Siedler. Die Folge war eine Radikalisierung der algerischen Unabhängigkeitsbewegung: Der Zulauf zu Messali Hadjs Parti Populaire Algérien nahm zu; die frankreichfreundlichen assimilatorischen Kräfte fühlten sich zurückgestoßen; Ferhat Abbas wandelte sich zum Anwalt voller algerischer Autonomie im Rahmen einer Föderation mit Frankreich. Der Unabhängigkeitskampf der Jahre nach 1954 warf seine Schatten voraus.
    Anders als im Maghreb war die französische Kolonialherrschaft in Schwarzafrika in der Zwischenkriegszeit noch keinen großen Erschütterungen ausgesetzt. Eine Ausnahme bildete Französisch-Kongo. Auf die Brutalität, mit der dort die einheimische Bevölkerung von Kolonialoffizieren und weißen Händlern und Pflanzern behandelt wurde, machte 1927 nach einer ausgedehnten Reise der Schriftsteller André Gide die französische Öffentlichkeit in einem weites Aufsehen erregenden Bericht aufmerksam. Um diese Zeit hatte bereits die religiös geprägte antikoloniale Protestbewegung des Kimbanguismus in Belgisch-Kongo auf die Nachbarkolonie übergegriffen. Im Juni 1928 kam es im Gebiet um Gbaya im Distrikt Haute Sangha zu Ausschreitungen gegen Kolonialoffiziere und durchreisende Europäer. Der charismatische Führer der Bewegung, ein Mann namens Karinou, wurde im Dezember 1928 zusammen mit seinem Bruder von Kolonialtruppen aus dem Senegal getötet. 1930 verhafteten die Behörden André Matswa, den Gründer der antikolonialen Amicale

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