Geschichte des Westens
konstitutionelle Monarchie unter König Fuad I. Die Wafd-Partei stieg bei den Wahlen des gleichen Jahres zur stärksten politischen Kraft auf. Als im Februar 1925 der Generalgouverneur des Sudan und britische Oberbefehlshaber («Sirdar») der ägyptischen Armee, Sir Lee Stack, von ägyptischen Nationalisten ermordet wurde, schloß London Ägypten von der Verwaltung des Kondominiums aus, belastete es aber weiter mit den Kosten der gemeinsamen Verwaltung. 1936 veranlaßten heftige nationalistische Unruhen Großbritannien zum Einlenken: Das Kondominium über den Sudan wurde wiederhergestellt, die militärische Besetzung Ägyptens beendet. Das Vereinigte Königreich sicherte sich aber für die Dauer von zwanzig Jahren das Recht, Truppen in der Suezkanalzone zu stationieren. Im Kriegsfall war Großbritannien zur Hilfe verpflichtet, wofür Ägypten sein Gebiet den Briten zur Verfügung stellen mußte. Im März 1937 erfolgte die Aufnahme Ägyptens in den Völkerbund.
Ägypten war das einzige afrikanische Land, das sich in der Zwischenkriegszeit aus der britischen Herrschaft weitgehend löste. In Tanganyika, dem Großteil der ehemaligen deutschen Kolonie Ost-Afrika, einem Mandat der Kategorie B, versuchte das Vereinigte Königreich seine Kontrolle durch eine Politik der «indirect rule», durch Übertragung von Kompetenzen an traditionelle Autoritäten, zu sichern. Erste Ansätze zu einer Unabhängigkeitsbewegung zeigten sich 1929 mit der Gründung der Tanganyika African Association, deren große Zeit aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg kommen sollte. Im benachbarten Kenia war schon vier Jahre zuvor mit der Kikuyu Central Association unter Jomo Kenyatta ein unabhängiges Sprachrohr der einheimischen Bevölkerung entstanden. Ins gleiche Jahr fällt die Gründung der West African Students Union in London, einer Keimzelle der Unabhängigkeitsbewegung in Nigeria. In Rhodesien, das seit 1936 eine britische Kronkolonie bildete, sicherte sich die kleine Minderheit der Weißen durch das Landverteilungsgesetz von 1930 52 Prozent des Territoriums, alle Städte, einschließlich der schwarzen Townships, und sämtliche Bodenschätze. Eine Rassentrennung nach südafrikanischem Vorbild sorgte für die anhaltende Diskriminierung der einheimischen Bevölkerung. Dasselbe Schicksal erlitten die Schwarzen im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika, einem Mandat der Kategorie C, das seit 1920 von der Südafrikanischen Union, einem Mitglied des britischen Empire, verwaltet wurde. Aufstände der Bondelzwats und Rehobother wurden zwischen 1922 und 1924 blutig niedergeworfen.
Die schwersten Erschütterungen erlebte das britische Empire während der Zwischenkriegszeit in Indien. Seit Dezember 1919 lag in Gestalt des Government of India Act eine Verfassung für den Subkontinent vor. Sie trennte die Zentralregierung, die für Außenpolitik, Verteidigung und Strafrecht zuständig und nur London verantwortlich war, von den Provinzregierungen. Hier sollte künftig das Prinzip der Dyarchie, der Doppelherrschaft, gelten: Die «reserved subjects», darunter Polizei und Finanzen, wurden von einem britischen Generalgouverneur und einem paritätischen Exekutivrat, der aus zwei Briten und zwei Indern bestand, verwaltet, die «transferred subjects» hingegen, obenan das Erziehungswesen, wurden indischen Ministern übertragen, die ihrerseits gewählten Gesetzgebungsräten der Provinz verantwortlich waren. Im Juni 1921 trat das Gesetzeswerk in Kraft.
Die praktischen Wirkungen der Reform hielten sich in engen Grenzen.Die Weigerung einer von den Briten eingesetzten Kommission, das Blutbad von Amritsar, ein schon in anderem Zusammenhang behandeltes Ereignis vom April 1919, mit der gebotenen Schärfe zu verurteilen, war für den Indischen Nationalkongreß der Anlaß, eine eigene Untersuchungskommission einzusetzen und die neue Verfassung zu boykottieren. 1920 begann unter Führung von Mahatma Gandhi eine Kampagne des Nationalkongresses für die Nichtbeteiligung (asahayoga) an den neuen Organen, zivilen Ungehorsam und Selbstregierung (svaraj); sie wurde im Februar 1922 nach der Ermordung von 22 Polizisten in Uttar Pradesch abgebrochen. Gandhi, ein Hindu aus der Kaufmannskaste, der in London Rechtswissenschaften studiert und seit den 1890er Jahren in Südafrika den Widerstand indischer Einwanderer gegen diskriminierende Gesetze organisiert hatte, wurde im März 1922 festgenommen und zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Ende 1924 erfolgte seine Begnadigung auf
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