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Geschichte des Westens

Geschichte des Westens

Titel: Geschichte des Westens Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heinrich August Winkler
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Balfour vorgeschlagene Formel, wonach die Dominions «autonome Gemeinschaften innerhalb des Britischen Empire» waren, «gleichberechtigt in ihrem Status und bezüglich ihrer inneren und äußeren Angelegenheit in keiner Weise voneinander abhängig (equal in status, in no way subordinate to one another in any aspect of their domestic or external affairs), hingegen vereint durch die gemeinsame Treuepflicht (common allegiance) der Krone gegenüber und freiwillig zusammengeschlossen als Mitglieder des British Commonwealth of Nations». Den letzteren Begriff hatte freilich nicht Balfour geprägt, sondern der südafrikanische General und Luftfahrtminister im Kriegskabinett Lloyd George, Jan Smuts, auf einem Festbankett der Mitglieder des Ober- und Unterhauses im Mai 1917.
    Damit war der Grund gelegt für das fünf Jahre später, im Dezember 1931, von einer weiteren Reichskonferenz beschlossene Statut von Westminster, das als Gesamtverfassung der Dominions diente und den Parlamenten dieser Mitglieder des Commonwealth die ausschließliche Gesetzgebungsbefugnis einräumte. Der Colonial Laws Validity Act von 1865, der es den Kolonien untersagte, Gesetze zu verabschieden, die vom britischen Recht abwichen, wurde aufgehoben. Die Dominions waren, auch wenn an ihrer Spitze keine gewählten Staatsoberhäupter, sondern Generalgouverneure als Vertreter der britischen Krone standen, spätestens seit 1931 souveräne Staaten. Was sie mit Großbritannien oder untereinander vereinbarten, taten sie freiwillig – so, wenn sie sich auf der Imperial Conference von 1932 in Ottawa auf wechselseitige handelspolitische Vergünstigungen und auf das Pfund Sterling als Leitwährung der «Sterling-Zone» verständigten. Darüber hinaus blieb eine ideelle Verbundenheit der ehemaligen Kolonien mit dem Mutterland im Zeichen gemeinsamer Werte erhalten, auf die Großbritannien zurückgreifen konnte, als es 1939 durch Deutschland so massiv wie noch nie seit den napoleonischen Kriegen herausgefordert wurde.
    Mit der Umformung des Empire zum Commonwealth gelang dem Vereinigten Königreich etwas Einzigartiges: eine Verstetigung seiner informellen Weltgeltung durch rechtzeitigen Verzicht auf die überholte formelle Abhängigkeit der am höchsten entwickelten Teile seines Weltreichs. Seit der «augusteischen Schwelle» (Augustan threshold) des Römischen Reiches, wie der amerikanische Politikwissenschaftler Michael W. Doyle die durchgreifende Reichsreform des Kaisers Augustus in den Jahrzehnten vor und nach Christi Geburt nennt, hat kein Imperium mehr ein solches Maß an Lernfähigkeit bewiesen wie das britische – eine bemerkenswerte Leistung angesichts des tatsächlichen Rückgangs des wirtschaftlichen Potentials des Mutterlandes (sein Anteil am Welthandel sank von 25 Prozent im Jahr 1860 auf 14 Prozent im Jahr 1938) und der fortschreitenden Verlagerung der finanziellen, militärischen und politischen Schwerpunkte der angelsächsischen Welt von London nach Washington.
    Die Empirekonferenz von 1926 fiel in die Zeit des Zweiten Kabinetts des konservativen Premierministers Stanley Baldwin, der von November 1924 bis Juni 1929 an der Spitze der britischen Regierung stand. Der 1867 geborene Eisenindustrielle aus den Midlands galt als die Verkörperung des Wunsches nach einer Rückkehr zur vermeintlichen Normalität der Vorkriegszeit. Die herausragende Figur des Kabinetts war Schatzkanzler Winston Churchill, der erst 1924 von den Liberalen zu der Partei übergetreten war, die er 20 Jahre zuvor verlassen hatte: den Tories. Sein wichtigster Beitrag zur Normalisierung war die Rückkehr zu dem 1914 aufgegebenen Goldstandard, die Churchill am 28. April 1925 in seiner Haushaltsrede im Unterhaus ankündigte. Die Festigung der Währung hatte Wirkungen, die alles andere als stabilitätsfördernd waren: Das Pfund Sterling wurde überbewertet, die britische Exportindustrie geriet in große und anhaltende Absatzschwierigkeiten, die soziale Unzufriedenheit wuchs.
    Am radikalsten war die Stimmung bei den Bergarbeitern. Im Juni 1925 kündigten die Arbeitgeber des Kohlenbergbaus massive Lohnsenkungen an. Die Regierung Baldwin versuchte dadurch Zeit zu gewinnen, daß sie eine Royal Commission zur Untersuchung der wirtschaftlichen Lage im Bergbau einsetzte und den Grubenbesitzern befristete Subventionen gewährte. Im März 1926 legte die Kommission ihren Bericht vor: Darin lehnte sie die von den Bergarbeitern geforderte Nationalisierung des Kohlenbergbaus ab und

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