Geschichte des Westens
in der Folgezeit drastisch zurück, die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder sank beträchtlich (von 5,2 Millionen im Jahr 1926 auf 4,8 Millionen im Jahr 1928). Die schwerste Niederlage mußten die Bergarbeiter hinnehmen. Sie beendeten ihren Streik erst im Dezember 1926, erreichten aber keines ihrer Ziele. Fortan mußten sie zu niedrigeren Löhnen länger arbeiten als zuvor.
Für die britische Arbeiterbewegung bedeutete der Mai 1926 eine einschneidende Zäsur. Mit dem Generalstreik endeten die Massenstreiks der Nachkriegszeit; einen weiteren Generalstreik hat Großbritanniennicht mehr erlebt. Der TUC zog aus seiner Unterwerfung unter das Diktat der Regierung den Schluß, daß die Gewerkschaften mit ihren Aktionen künftig keinerlei Zweifel mehr an ihrer Treue zur parlamentarischen Demokratie aufkommen lassen durften. Die Kommunistische Partei Großbritanniens, die den Generalstreik emphatisch unterstützt, auf seinen Ablauf aber keinen Einfluß gehabt hatte, konnte ihre Mitgliederzahl 1926 zeitweilig steigern (von rund 6ooo im Mai auf über 10.000 im Oktober), sank dann aber bis Ende 1928 auf 3500 ab. 1927 löste die Labour Party 23 örtliche Parteigliederungen auf (davon 15 in London und Umgebung), die von den Kommunisten unterwandert worden waren. Bei den Unterhauswahlen vom Mai 1929 kamen die Kommunisten auf 50.000 Stimmen (5000 weniger als fünf Jahre zuvor) und verloren das einzige Mandat, das sie 1924 errungen hatten. Von der Komintern und der Roten Gewerkschafts-Internationale wurden die britischen Gewerkschaften nach dem Scheitern des Generalstreiks als «Verräter» gebrandmarkt, was der TUC zum Anlaß nahm, eine Geldspende der sowjetischen Gewerkschaften für die streikenden Bergarbeiter zurückzuweisen und 1927 das Ständige englischrussische Gewerkschaftskomitee aufzulösen. Um dieselbe Zeit begannen jene Gespräche zwischen Vertretern von Gewerkschaften und Unternehmern, die in die Industriekonferenz vom Juli 1928 mündeten und eine wechselseitige Verständigung über die notwendige Rationalisierung der britischen Industrie und die Bewahrung des Arbeitsfriedens zum Ziel hatten.
War der Anteil der Kommunisten am Generalstreik gering, so war der Anteil der extremen Rechten an seiner Niederschlagung noch geringer. Im Mai 1923, ein halbes Jahr nach Mussolinis «Marsch auf Rom», hatte sich eine militant antikommunistische und antisemitische Vereinigung namens «British Fascisti» gebildet, die sich seit 1924 «British Fascists» nannte. Ihre Anhänger strömten im Mai 1926 in die schon erwähnte Organization for the Maintenance of Supplies und zur Hilfspolizei der Special Constables, wurden aber im allgemeinen von den Behörden auf Distanz gehalten. Einen sehr viel stärkeren Einfluß auf die öffentliche Meinung hatten ultrakonservative Pressemagnaten wie Lord Beaverbrook und Lord Rothermere, die Eigentümer des «Daily Express» beziehungsweise der «Daily Mail», und der Duke of Northumberland, der die «Morning Post» und «The Patriot» finanzierte, ebenso wie die intellektuell anspruchsvolle «English Review»,die sich in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre immer mehr zu einem Sprachrohr des äußersten rechten Flügels der Tories entwickelte. Die Art und Weise, wie die Regierung Baldwin dem Generalstreik entgegentrat, nötigte aber auch den radikalsten Konservativen Respekt ab. Nach Meinung der «English Review» bewies der Streik, daß England nach wie vor über Männer verfügte, die zu regieren verstanden, und selbst der Duke of Northumberland sah sich veranlaßt, die «Kraft und Findigkeit» (vigour and resourcefulness) der Regierung zu loben.
Während das Anti-Gewerkschafts-Gesetz vom Juni 1927 ganz nach dem Herzen der Konservativen «diehards» war, löste ein anderes Gesetz der Regierung Baldwin bei ihnen verbreitetes Unbehagen aus: das Gesetz über die rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau vom Juli 1928, mit dem auch jene diskriminierende Bestimmung des Wahlgesetzes von 1918 fiel, die den Frauen das Wahlrecht erst vom vollendeten 30. Lebensjahr ab einräumte, während Männer bereits nach Vollendung des 21. Lebensjahres über dieses Recht verfügten. Die Frau galt der äußersten Rechten, wie es William Sanderson, der spätere Gründer der esoterischen, aber einflußreichen Vereinigung «English Mistery», 1927 ausdrückte, als rein instinktgesteuert und ihr Instinkt als sexuell bedingt. «Sie besitzt keinerlei Eignung für Politik, weil sie der politischen Tugend entbehrt
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