Geschichte des Westens
Arbeitslosigkeit nach dem New Yorker Börsenkrach vom Oktober 1929 weiter anstieg. Wenige Monate, nachdem das zweite Kabinett MacDonald seine Arbeit aufgenommen hatte, zeigten sich erste Risse in der Minderheitsregierung. Es waren die Vorboten einer schweren Krise, in die die Labour Party in den Jahren 1930/31 geraten sollte.[ 24 ]
Von Dawes zu Young:
Deutschland in der Ära Stresemann
Anders als Großbritannien erlebte Deutschland in den Jahren 1924 bis 1929 tatsächlich so etwas wie «goldene Jahre». Es gab wieder eine stabile Währung; Produktion, Konsum und Volkseinkommen wuchsen beständig; der Reichshaushalt wies 1924 einen beträchtlichen Überschuß, in den Jahren 1925 bis 1928 nur ein geringes Defizit auf. Bei genauerer Betrachtung aber blieb die ökonomische Lage Deutschlands, wie der Wirtschaftshistoriker Wolfram Fischer urteilt, weiterhin gefährdet. «Die Investitionen, von denen Wachstum und Schrumpfung einer Volkswirtschaft vorwiegend abhängen, zeigen auch in den Jahren 1924 bis 1929 keinen gleichmäßigen Aufwärtstrend. Zwar steigen die Anlageinvestitionen bis 1928 ohne Unterbrechung an, aber die Lagerhaltung schwankt so stark, daß die gesamten internen Bruttoinvestitionen (Anlage und Lagerhaltung) in den Jahren 1926, 1928 und 1929 gegenüber dem Vorjahr abnehmen. Ein einziges Jahr, 1927, bringt einen ‹Investitionsboom›. Auch die Handelsbilanz, die schonvor dem Krieg fast durchweg passiv gewesen war, konnte nur 1926 einen Überschuß erzielen. Die Dienstleistungsbilanz erbrachte zwar stets Überschüsse, wozu besonders die Handelsflotte beitrug; aber sie waren zu gering, um die Leistungsbilanz auszugleichen oder gar einen Überschuß für Reparationsüberweisungen zu erzielen.»
Der Grund, weshalb Deutschland seinen Reparationspflichten nach dem Dawes-Plan nachkommen konnte, lag im Überschuß bei den Kapitalbewegungen in Gestalt ausländischer, namentlich amerikanischer Kredite. Deutschland war nach 1924 ein kapitalhungriges Land; seine hohen Zinssätze und die Kreditrestriktionen der Reichsbank machten es für ausländische Investoren anziehend, und insofern war der Aufschwung in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre nicht nur eine «Dollarscheinblüte». Höchst problematisch aber war die Verwendung der Auslandskredite: Sie wurden zu einem erheblichen Teil, 1927/28 etwa zur Hälfte, kurzfristig vergeben, von den deutschen Banken aber als Investitionskredite weitergereicht und von Ländern und Kommunen für langfristige, nicht unmittelbar «produktive» Zwecke verwandt. So finanzierten die Gemeinden, die sich nicht zu Unrecht als Opfer der «Erzbergerschen» Reichsfinanzreform von 1919 fühlten, mit solchen Krediten den Bau von Schulen, Rathäusern, Krankenhäusern, Sportanlagen oder, wie im Köln des Oberbürgermeisters Konrad Adenauer, den berühmten «Grüngürtel». Solange die Wirtschaft «boomte», wurden die kurzfristigen Kredite meist problemlos prolongiert. Aber bereits in den «guten» Jahren der Weimarer Republik warnten Experten wie Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht und der Reparationsagent Parker Gilbert, ein amerikanischer Finanzfachmann, vor dem unsoliden Finanzgebaren der öffentlichen Hände: «Kippte» die Konjunktur, mußte mit einer schweren Finanzkrise gerechnet werden.
Nicht nur Länder und Gemeinden zogen sich immer wieder scharfe Kritik des Reparationsagenten und des Reichsbankpräsidenten zu, sondern auch das Reich. Eine Besoldungsreform vom Dezember 1927 brachte eine Erhöhung der Beamtengehälter um durchschnittlich 16 bis 17 Prozent: eine Art Wiedergutmachung der inflationsbedingten Verluste der Angehörigen des öffentlichen Dienstes und eine Anerkennung der Tatsache, daß die Gehälter der Beamten seit 1927 sehr viel geringer gestiegen waren als die Löhne der Arbeiter. 1927 war das Jahr, in dem die deutsche Industrie so hohe Gewinne machte wie niezuvor und nie danach in der Weimarer Republik. Auf die Gefahr, daß der Staat die höheren Gehälter bei stark rückläufigen Steuereinnahmen nicht mehr würde bezahlen können, wies 1927 nicht nur der Reparationsagent hin, sondern auch der Haushaltsexperte der Zentrumsfraktion im Reichstag, Heinrich Brüning. Bei der Schlußabstimmung am 15. Dezember 1927 enthielt er sich der Stimme.
Doch nicht wegen der Beamtenbesoldung ging das Jahr 1927 in die Annalen der deutschen Geschichte ein, sondern wegen des größten Zugewinns an sozialer Sicherheit, den die Arbeiter und die Angestellten während der Weimarer
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