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Geschichte des Westens

Geschichte des Westens

Titel: Geschichte des Westens Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heinrich August Winkler
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Blick als geringfügiger Verlust erscheint, in Wirklichkeit aber einer Katastrophe gleichkam: Die wiedervereinigte Sozialdemokratie erhielt 1924 weniger Stimmen als die Mehrheitssozialdemokraten vier Jahre zuvor. Von den 17,9 Prozent, die damals die USPD gewählt hatten, waren die meisten wohl zur KPD abgewandert, die sich nun erstmals auf Reichsebene als proletarische Massenpartei durchsetzte. Die liberalen Parteien DVP und DDP mußten starke, die katholischen Parteien Zentrum und Bayerische Volkspartei geringe Verluste hinnehmen. Auffallend groß war der Anteil bürgerlicher Splittergruppen, die zusammen auf 8,5 Prozent kamen.
    Eine Regierungsbeteiligung der Sozialdemokraten in Form einer Großen Koalition kam für die immer noch größte Partei nach ihrer verheerenden Niederlage nicht ernsthaft in Frage: Hätte die Parteiführung sich darauf eingelassen, wäre die SPD am Widerstand ihres linken Flügels, der ehemaligen Unabhängigen, zerbrochen. Auf der anderen Seite dachten die gemäßigten bürgerlichen Parteien nicht daran, mit der radikal nationalistischen DNVP zu koalieren und dieser das Amt des Reichskanzlers zu überlassen, für das die Deutschnationalen den ehemaligen Großadmiral Tirpitz, den Schöpfer der deutschen Flotte, vorschlugen. Die Folge war die abermalige Bildung einer bürgerlichen Minderheitsregierung unter dem Zentrumspolitiker Wilhelm Marx, der Gustav Stresemann, der Vorsitzende der Deutschen Volkspartei, wieder als Außenminister angehörte. Auf die Tolerierung durch die SPD durfte die Regierung zumindest bei wichtigen außenpolitischen Fragen wie der Ratifizierung der Dawes-Gesetze rechnen.
    Die Stimmen der Sozialdemokraten reichten aber nicht aus, um sämtliche Gesetze zu verabschieden, die die Regelung der Reparationsfrage erforderlich machte. Eines der Gesetze betraf die Umwandlung der Reichsbahn in eine Gesellschaft, die mit bestimmten Obligationen belastet war und die einen Aufsichtsrat erhielt, dem auch Vertreter der Gläubigerstaaten angehörten. Das Reichsbahngesetz, das tief in die deutsche Souveränität eingriff, hatte verfassungsändernde Wirkungen und bedurfte darum einer Zweidrittelmehrheit.
    Diese zu erreichen erforderte die Zustimmung zumindest eines Teiles der Deutschnationalen. Um die Opposition der DNVP zu überwinden,gab die Reichsregierung am 29. August 1924, dem Tag vor der Unterzeichnung des Londoner Abkommens, eine betont «national» gehaltene Erklärung zur Kriegsschuldfrage ab. Hinzu kamen der Druck von zwei mächtigen Interessenverbänden, des Reichsverbandes der Deutschen Industrie, der 1919 gegründeten Spitzenvertretung der Unternehmerschaft, und des Reichslandbundes, des schlagkräftigen Nachfolgers des Bundes der Landwirte, sowie eine Mischung von Drohung und Angeboten aus dem bürgerlichen Lager: Für den Fall der Ablehnung kündigte die Reichsregierung die Auflösung des Reichstags an, im Fall der Annahme stellte die DVP die Regierungsbeteiligung der Deutschnationalen in Aussicht. Am 29. August stimmten 52 Abgeordnete der DNVP mit Nein und 48 mit Ja. Das reichte, um dem Reichsbahngesetz zu einer Zweidrittelmehrheit und dem Londoner Abkommen insgesamt zur Annahme zu verhelfen.
    Eine verläßliche Mehrheit für die laufende Regierungsarbeit aber war damit noch längst nicht gesichert. Die Regierung Marx entschied sich deshalb am 20. Oktober, den Reichspräsidenten um die Auflösung des Reichstags zu bitten. Friedrich Ebert kam dieser Bitte umgehend nach und setzte als Termin der Neuwahl den 7. Dezember 1924 fest. Der zweite Reichstagswahlkampf des Jahres stand im Zeichen der wirtschaftlichen Erholung. Am 30. August war die provisorische Rentenmark zugunsten der neuen, zu 40 Prozent durch Gold und Devisen gedeckten Reichsmark aufgegeben worden. Seit dem Abschluß des Londoner Abkommens strömten ausländische Kredite nach Deutschland, die Arbeitslosenzahlen gingen ähnlich stark zurück wie die durchschnittlichen Arbeitszeiten; die tariflichen Stundenlöhne stiegen erheblich an.
    Die Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse schlug sich am 7. Dezember 1924 in einer politischen Entradikalisierung nieder. Die extremen Flügelparteien – auf der einen Seite die Deutschvölkischen, die jetzt als Nationalsozialistische Freiheitspartei antraten, auf der anderen die Kommunisten – gingen geschwächt aus dem Kampf hervor. Gewinne verbuchten die Sozialdemokraten. Die SPD stieg von 20,5 auf 26,5 Prozent, die DNVP von 19,5 auf 20,5 Prozent. Die

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