Geschichte des Westens
Kommunisten fielen dagegen von 12,6 auf 9 Prozent, die vereinten Nationalsozialisten und Deutschvölkischen von 6,5 auf 3 Prozent. Vergleichsweise gering waren die Verschiebungen in der Mitte und bei der gemäßigten Rechten.
Das Wahlergebnis ließ nur zwei Arten der Regierungsbildung zu: entweder eine Große Koalition oder ein bürgerliches Mitte-Rechts-Kabinett. Die DVP sprach sich gegen eine Regierung mit den Sozialdemokraten, die DDP gegen eine Regierung mit den Deutschnationalen aus, was aber einen Bürgerblock nicht unmöglich machte, da dieser auch ohne die linksliberale Partei über eine Mehrheit verfügt. Am 15. Januar 1925 kam nach langwierigen Verhandlungen die erste Reichsregierung mit deutschnationaler Beteiligung unter dem parteilosen Hans Luther, dem bisherigen Finanzminister, zustande. Stresemann blieb Außenminister, Otto Geßler, obwohl seine Partei, die DDP, nicht in die Regierung eintrat, als «Fachminister» Leiter des Wehrressorts. Die DNVP stellte den Innen-, den Finanz- und den Wirtschaftsminister; der Landwirtschaftsminister, Graf Kanitz, stand den Deutschnationalen zumindest nahe.
Schon kurz nach der Konstituierung des Kabinetts sah sich der deutschnationale Wirtschaftsminister Karl Neuhaus genötigt, großen Teilen der deutschnationalen Wählerschaft eine herbe Enttäuschung zu bereiten: Gestützt auf das einhellige Votum der Spitzenverbände von Landwirtschaft, Industrie, Handel und Banken, erklärte er Ende Januar in einer Denkschrift, eine Aufwertung der Sparguthaben und Kriegsanleihen, die über den im Februar 1924 festgelegten (von der DNVP heftig attackierten) Satz von 15 Prozent der einstigen Goldmarkbeträge hinausgehe, sei den Sachwertbesitzern nicht zuzumuten und daher schlechthin ausgeschlossen.
Sechs Wochen nach der Bildung des ersten Bürgerblockkabinetts, am 28. Februar 1925, starb im Alter von 56 Jahren Reichspräsident Friedrich Ebert. Unmittelbare Todesursache war eine Blinddarm- und Bauchfellentzündung. In den letzten Monaten seines Lebens hatte sich der erste und einzige Sozialdemokrat im höchsten Amt der Republik gerichtlich mit dem Vorwurf des Landesverrats auseinandersetzen müssen, den ein völkischer Journalist namens Erwin Rothardt wegen Eberts Rolle beim Berliner Munitionsarbeiterstreik vom Januar 1919 gegen ihn erhoben hatte. (Der damalige Vorsitzende der SPD war nur deshalb in die Streikleitung eingetreten, um den Ausstand unverzüglich zu beenden.) Das Urteil des erweiterten Schöffengerichts des Amtsgerichts Magdeburg vom 23. Dezember 1924 war ein klarer Fall von antirepublikanischer Kampfjustiz: Der angeklagte Redakteur wurde zwar wegen Beleidigung zu drei Monaten Gefängnis verurteilt,in der Urteilsbegründung aber stellte das Gericht fest, die Behauptung Rothardts, durch seine Beteiligung an dem Streik habe Ebert Landesverrat begangen, sei im strafrechtlichen Sinn zutreffend, eine Verurteilung wegen übler Nachrede daher nicht möglich.
Das noch amtierende Kabinett Marx gab sogleich eine Ehrenerklärung zugunsten des Reichspräsidenten ab, und unmittelbar darauf erhoben sich auch in der deutschen Gesellschaft gewichtige Stimmen, darunter die des Theologen Adolf von Harnack, der Historiker Friedrich Meinecke und Hans Delbrück, der Juristen Gerhard Anschütz und Wilhelm Kahl, gegen den Rufmord der Magdeburger Richter. Das Urteil tat dennoch seine vergiftende Wirkung, und diese trug viel dazu bei, die seelische und körperliche Widerstandskraft des ersten Reichspräsidenten zu schwächen. Erst nach seinem Tod bescheinigten ihm auch politische Gegner, darunter die deutschnationalen Mitglieder der neuen Reichsregierung, daß er in schwieriger Zeit sein hohes Amt gewissenhaft und in vorbildlicher Überparteilichkeit ausgeübt habe. Von der extremen Rechten war dergleichen nicht zu hören, und auf der Seite der Kommunisten scheute sich deren Redner, der Abgeordnete Hermann Remmele, nicht, dem toten Ebert am 1. März 1925 im Reichstag nachzurufen, er sei «mit dem Fluch des deutschen Proletariats ins Grab gegangen».
Am 29. März 1925 fand die erste Direktwahl eines Reichspräsidenten durch das deutsche Volk statt. Für die gouvernementale Rechte trat der frühere Reichsinnenminister und damalige Oberbürgermeister von Duisburg, Karl Jarres, an, der von DVP und DNVP sowie der kleinen, 1920 gegründeten Reichspartei des deutschen Mittelstandes, kurz Wirtschaftspartei genannt, unterstützt wurde. Kandidat der SPD war Otto Braun, der im Zuge
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