Geschichte des Westens
einer Regierungskrise gerade von seinem Amt als preußischer Ministerpräsident zurückgetreten war. Für das Zentrum ging der frühere Reichskanzler Wilhelm Marx, für die DDP der badische Staatspräsident Willy Hellpach, für die BVP Heinrich Held, seit 1924 Ministerpräsident des Freistaats Bayern, ins Rennen. Die Kommunisten hatten ihren Parteivorsitzenden Ernst Thälmann, einen früheren Hamburger Hafenarbeiter, aufgestellt. Nationalsozialistischer Bewerber war Erich Ludendorff. Beim ersten Wahlgang erreichte keiner der Kandidaten die erforderliche absolute Mehrheit. Am besten schnitt Jarres mit 38,8 Prozent ab. Braun kam mit 29 Prozent auf den zweiten, Marx mit 14,5 Prozent auf den dritten Platz.
Für den zweiten Wahlgang verständigten sich die «Weimarer» Parteien SPD, Zentrum und DDP auf Marx als gemeinsamen Bewerber (wofür sich das Zentrum verpflichtete, Braun wieder zum preußischen Ministerpräsidenten zu wählen). Gegen Marx hatte Jarres keine Chance, weshalb die Rechte nach einem populäreren Bewerber Ausschau hielt. Nach dem Gesetz über die Wahl des Reichspräsidenten vom 4. Mai 1920 konnte das auch eine Persönlichkeit sein, die am ersten Wahlgang nicht teilgenommen hatte. Die Wahl fiel auf den ehemaligen Generalfeldmarschall Paul von Beneckendorff und von Hindenburg, am 2. Oktober 1847 in Posen geboren, damals also 77 Jahre alt, der seit seinem Ausscheiden aus der Obersten Heeresleitung im Sommer 1919 im Ruhestand in Hannover lebte.
Für Hindenburg, den mythenumwobenen «Sieger von Tannenberg» und «Ersatzkaiser» des Ersten Weltkrieges, machten sich vor allem die Deutschnationalen und der Reichslandbund stark. Die Großindustrie und die Deutsche Volkspartei, an ihrer Spitze Gustav Stresemann, hatten zunächst starke Bedenken, wobei der Außenminister besonders negative Reaktionen im Ausland befürchtete. Nachdem Jarres seine Bewerbung zurückgezogen hatte, fand sich aber auch die DVP mit der Kandidatur Hindenburgs ab. Die Chancen, daß dieser als Sieger aus dem zweiten Wahlgang hervorgehen würde, standen gut. Er konnte auf die Stimmen der überzeugten Monarchisten und der meisten kirchentreuen evangelischen Christen rechnen. Für den protestantischen Preußen Hindenburg sprach sich auch die Bayerische Volkspartei aus, und das nicht zuletzt deshalb, weil sie sich an der Unterstützung der Sozialdemokraten für den Katholiken Marx stieß. Hindenburg mußte es auch von Nutzen sein, daß die KPD an der aussichtslosen Kandidatur von Thälmann festhielt, auf den im ersten Wahlgang 7 Prozent der Stimmen entfallen waren.
Tatsächlich erzielte Paul von Hindenburg als Kandidat des «Reichsblocks» beim zweiten Wahlgang am 26. April 1925 einen Vorsprung von rund 900.000 Stimmen vor Wilhelm Marx, dem Kandidaten des «Volksblocks». Auf Hindenburg entfielen 48,3, auf Marx 45,3, auf Thälmann 6,4 Prozent der Stimmen. Der Generalfeldmarschall hatte die absolute Mehrheit zwar knapp verfehlt, aber die war beim zweiten Wahlgang auch nicht erforderlich.
Die Wahl Hindenburgs kam einer konservativen Umgründung der Weimarer Republik gleich. Sein Sieg war kein Plebiszit für die Wiederherstellungder Monarchie, aber doch ein Volksentscheid gegen
die
Form von parlamentarischer Demokratie, die man seit 1919 erlebt hatte. Enttäuschung mit dem grauen republikanischen Alltag ging einher mit einer nostalgischen Verklärung der Vergangenheit. Die liberale «Frankfurter Zeitung» beklagte die «romantische Sehnsucht nach vergangenem Glanz und vergangener Größe». Das gleichfalls liberale «Berliner Tageblatt» sprach von einem «Überrumpelungssieg der Reaktion, gewonnen durch kommunistischen Verrat an der Republik». Wie die beiden bürgerlichen Blätter verglich auch der sozialdemokratische «Vorwärts» die Wahl Hindenburgs mit dem Sieg eines klerikalen Monarchisten, des Marschalls Mac-Mahon, zum Präsidenten der französischen Republik im Jahr 1873 und knüpfte daran die Erwartung, die deutsche Republik werde diese Gefahrenzone ebenso glücklich passieren wie ein halbes Jahrhundert zuvor die französische.
Ganz unbegründet waren solche Hoffnungen nicht. Daß Hindenburg versprach, die republikanische Verfassung zu respektieren, machte es manchem bisherigen Verächter der Republik schwer, in unversöhnlicher Feindschaft zum neuen Staat zu verharren. Bezeichnend war die «realpolitische» Wende der evangelischen Kirche, die sich erst jetzt auf den Boden der weiterhin ungeliebten Tatsache «Republik»
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