Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Geschichte des Westens

Geschichte des Westens

Titel: Geschichte des Westens Kostenlos Bücher Online Lesen
Autoren: Heinrich August Winkler
Vom Netzwerk:
stellte. Anlaß zur Genugtuung hatte aber vor allem das Milieu, dem Hindenburg entstammte und dem er sich nach wie vor eng verbunden fühlte: die Welt des Militärs und des preußischen Adels. Für Reichswehr und Großgrundbesitz war es von großer Bedeutung, daß sie fortan wieder über einen unmittelbaren Zugang zum Staatsoberhaupt verfügten, dem in Krisenzeiten die Rolle des eigentlichen Machthabers zufiel. Die gesellschaftlichen und politischen Kräfteverhältnisse änderten sich nach dem 26. April 1925 nicht schlagartig. Aber seit jenem Tag hatte die altpreußische Führungsschicht des vorrepublikanischen Deutschland wieder einen Hebel in der Hand, dessen sie sich bedienen konnte, wenn der Reichstag nicht einsehen wollte, was das Gebot der Stunde war. Von «rechts» aus gesehen, bedeutete das einen großen Schritt nach vorn.
    Für die Weimarer Republik war die Wahl Hindenburgs eines von zwei markanten Ereignissen des Jahres 1925. Das andere war der Abschluß der Locarno-Verträge, die Deutschlands Rückkehr in den Kreis der europäischen Großmächte besiegelten, am 26. Oktober 1925. Das Vertragswerk sollte den Status quo der Nachkriegsordnung festigen,tat dies aber, den deutschen Wünschen entsprechend, auf asymmetrische Weise. Völkerrechtlich abgesichert wurden nur die deutschen Westgrenzen: Deutschland, Frankreich und Belgien verzichteten auf eine gewaltsame Änderung der bestehenden Grenzen; Großbritannien und Italien garantierten sie. Mit seinen östlichen Nachbarn, Polen und der Tschechoslowakei, schloß das Reich lediglich Schiedsverträge ab. Frankreich dagegen verpflichtete sich, Polen und der Tschechoslowakei im Fall eines deutschen Angriffs militärisch beizustehen.
    Eine friedliche Revision der deutschen Ostgrenze wurde durch Locarno also keineswegs ausgeschlossen. Außenminister Stresemann ließ keinen Zweifel daran, daß er, in voller Übereinstimmung mit der öffentlichen Meinung Deutschlands, auf ebendieses Ziel hinarbeitete. Eine friedliche Lösung der polnischen Grenzfrage werde, so teilte er am 19. April 1925 der deutschen Botschaft in London mit, nicht zu erreichen sein, «ohne daß die wirtschaftliche und finanzielle Notlage Polens den äußersten Grad erreicht und den gesamten polnischen Staatskörper in einen Zustand der Ohnmacht gebracht hat.» Es gelte also, «eine endgültige und dauerhafte Sanierung Polens so lange hinauszuschieben, bis das Land für eine unseren Wünschen entsprechende Regelung der Grenzfrage reif und bis unsere Machtstellung genügend gekräftigt ist … Nur ein uneingeschränkter Wiedergewinn der Souveränität über die in Rede stehenden Gebiete kann uns befriedigen.»
    Im Reichstag fanden die Verträge von Locarno am 27. November 1925 nur deswegen eine Mehrheit, weil die Sozialdemokraten zustimmten. Die deutschnationalen Minister waren am 26. Oktober aus dem Kabinett Luther ausgeschieden, weil der DNVP die westlichen Zugeständnisse nicht weit genug gingen. Folgerichtig stimmten die deutschnationalen Abgeordneten gegen das Vertragswerk. Hätte die SPD ihr Ja an die Bedingung geknüpft, an der Regierung beteiligt zu werden, wären Luther und Stresemann kaum in der Lage gewesen, diese Forderung abzulehnen. Aber die innerlich zerstrittenen Sozialdemokraten verzichteten nicht nur im Spätjahr 1925, sondern auch bei zwei weiteren Gelegenheiten im Jahr 1926 darauf, einen Anteil an der Macht im Reich für sich zu verlangen.
    Am 12. Mai 1926 hatte das bürgerliche Minderheitskabinett Luther wegen eines von ihm ausgelösten Flaggenstreites zurücktreten müssen. (Anlaß war ein Kabinettsbeschluß vom 1. Mai, wonach die gesandtschaftlichen und konsularischen Behörden das Recht erhielten,neben der schwarz-rot-goldenen Reichs- auch die schwarz-weiß-rote Handelsflagge zu führen.) Das nachfolgende bürgerliche Minderheitskabinett Marx war an einer Regierungsbeteiligung der SPD durchaus interessiert. Aber nun rächte sich, daß die Sozialdemokraten in den Monaten zuvor sich aktiv an dem von der KPD herbeigeführten ersten Plebiszit auf Reichsebene, dem Volksbegehren und Volksentscheid für die entschädigungslose Enteignung der ehemaligen deutschen Fürsten, beteiligt hatten. Der Volksentscheid vom 20. Juni 1926 verfehlte zwar sein Ziel, da nur 36,4 Prozent und nicht die erforderliche Mehrheit der Stimmberechtigten dem entsprechenden Gesetzentwurf zustimmten. Aber nach der Episode der außerparlamentarischen Aktionseinheit mit den Kommunisten fand die SPD

Weitere Kostenlose Bücher